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Der Tag, an dem Mutter verschwand, Teil I

Feelings ...



Der sechzigste Geburtstag meiner Mutter war für mich ein einschneidendes Erlebnis: Es war der Tag, an dem ich nicht mehr wegsehen konnte - sondern gezwungen war, hinzuschauen ...
Nach der großen Familienfeier, dem großen Fest im Restaurant, das wir bis in den Abend hinein gefeiert hatten, saßen wir hinterher noch im kleinen Kreis zusammen, beim Freund meiner Mutter: Mein Mann und ich, meine Großmutter …und irgendwann war Mutter plötzlich verschwunden.
Erst nahmen wir das gar nicht wahr – oder wollten es nicht wahrnehmen. Vielleicht nahmen wir alle das gerne so hin, dass sie wohl ins Bett gegangen war, ohne sich von uns zu verabschieden. Vielleicht waren wir auch einfach nur müde …
…weil diese Feier „im Kreise der Familie“ die sie monatelang organisiert und uns damit genervt hatte, uns alle strapazierte: Wir hatten Tags zuvor eine lange Fahrt hinter uns gebracht, wenig geschlafen – und mussten trotzdem den ganzen Tag "funktionieren": Wie Mutter uns wollte. Das war so ihre übergriffige Art - vor allem an Geburtstagen. Die gerieten in letzter Zeit häufig aus dem Ruder, zu einer Art demonstrativem Schaulaufen, als wolle Mutter sich selbst ihre eigene Beliebtheit demonstrieren.
Den ganzen Tag über hatte sie uns vollgesabbelt, euphorisch hin- und hergeschoben, vorgestellt, fotografiert ... wir fühlten uns wie Statisten, die ihrem Bild von „meine Kinder“, „meine Mutter“, „mein Freund“, „mein Schwiegersohn“ zu entsprechen hatten.
Im Laufe des Tages erlebten wir ihre Stimmungsschwankungen von heiter - überdreht, aufgekratzt, beschickert, albern, angetrunken bis selbstgerecht, streitlustig, rechthaberisch und aggressiv. Ständig schnitt sie uns das Wort ab, wollte endlos irgendwelche Themen diskutieren, für die sich niemand interessierte, oder sie verhielt sich lästig anklammernd, bemitleidete stundenlang sich selbst und lallte, wie jetzt, irgendwelche Schuldzuweisungen in den Raum.
Diesmal hatte es meine Oma erwischt: Zum Abschluss des Abends machte meine Mutter sie fertig und gab ihr an so ziemlich allem die Schuld, was Mutter in ihrem Leben vermisst oder selber versemmelt hatte. Mir war das peinlich und unangenehm, weil mein Mann (wir waren gerade erst verheiratet) und Mutters neuer Freund noch nicht so lange bei uns waren. Bisher war ich die Gefühlsausbrüche meiner Mutter nur im engsten Kreis unserer Familie gewohnt und hatte mich stets bemüht, das vor ihren Freunden oder unserer Verwandtschaft zu verbergen oder zu überspielen.

Es war mir schon früher peinlich, wenn Mutter auf Familienfesten die Kontrolle verlor, schwankte oder lallte. Und ich hasste es von Kindheit an, dass sie mich, wenn sie so drauf war, oft völlig ignorierte, vergaß – oder behandelte wie ihr Eigentum.
Etliche Male hatte ich meine Mutter in der Vergangenheit davor bewahrt, sich auf Familienfeiern völlig zu betrinken oder lächerlich zu machen. Wie selbstverständlich hatte ich oft die Regie übernommen, wenn sie an ihren Geburtstagen schon am Mittag den Überblick verloren hatte, während mehr und mehr Gäste eintrudelten. Unauffällig hatte ich dann ihre Gläser geleert und ihr stattdessen Kaffee oder Wasser eingeschenkt, ihre Gäste bewirtet, mich fröhlich und souverän gegeben, obwohl ich sauer auf sie war. Ich hatte statt ihrer die Tische eingedeckt, schmutziges Geschirr abgeräumt, bis tief in der Nacht aufgeräumt, in der Küche gespült …und mich oft dabei wie eine Hausangestellte gefühlt, während Madame im Wohnzimmer ihre Gäste „empfing“, mit denen sie fröhlich krakeelte und zechte.

Dass meine Mutter, wenn sie getrunken hatte, gerne „dikutierte“, wurde mit den Jahren allen unangenehm und lästig. Ob gute Freunde oder Familie: Meine Mutter hatte keine Meinung, sie WAR diese Meinung. Widerworte unerwünscht, basta!
An diesem Abend versuchten wir nun, meine Oma zu trösten, die aufgewühlt und empört war und mit zittriger Stimme versuchte, sich uns gegenüber zu rechtfertigen. Sie flehte uns an, ihr doch endlich zu glauben: Mit ihrer Tochter stimme etwas nicht, schon lange sei sie so aggressiv gegen sie, sei nicht mehr wiederzuerkennen – und Zuhause, wenn sie allein mit ihr war, sei es noch schlimmer. Regelmäßig fände sie leere Flaschen, oder Verstecke mit Schnapsflaschen … und nachts höre sie, wie ihre Tochter durch die Wohnung torkele oder sich übergeben müsse …!

Die Sache mit den Flecken. Das war mir auch schon aufgefallen: Mutters Schaffell-Teppiche hatten in letzter Zeit einige komische, braune Flecken …und wenn man Mutter darauf hinwies, reagierte sie merkwürdig schnippisch.

Unsicher und ratsuchend wandte ich mich an den Freund meiner Mutter. Sie waren zwar noch nicht lange ein Paar - gut ein Jahr - aber ich war froh, meine Mutter und die ständige Sorge um ihr Wohlergehen nach ihrer dreißigjährigen Witwenschaft endlich an jemanden "abgeben" zu können.
Ihr Freund nickte nur: „Mit mir streitet deine Mutter auch oft …überhaupt ist es schwierig, mit ihr umzugehen …wenn sie betr…ähem… in dieser Verfassung ist. Und sie ist oft in diesem Zustand. Seit meine Frau gestorben ist, trinke ich ja auch ganz gerne mal einen, vielleicht manchmal auch öfter, das gebe ich ja gerne zu – aber so wie deine Mutter trinkt und sich dann aggressiv verhält, habe ich das noch bei keiner Frau erlebt …“
Ich schluckte.
Ich meine, MIR gegenüber verhielt sie sich schon mein Leben lang rechthaberisch, kontrollierend, übergriffig, selbstgerecht …ich war ihr Kind, für mich war das bisher „normal“ – auch ihre täglichen Streitereien mit meiner Oma: „Normal“!
Dass meine Mutter sich mit meiner älteren Schwester nie gut verstand, meine Schwester sich wohl auch deshalb mit achtzehn schwängern ließ und heiratete, um der permanenten Kontrolle meiner Mutter schnellstmöglich zu entkommen: „Normal“!
Das Verhältnis zu meiner Mutter war seit meiner Pubertät eher schlecht – sie redete sich – und mir - dennoch ein, es gebe da „einen ganz besonderen Draht“ zwischen uns, ich sei ihre „Beste“. Doch meine Empfindungen ihr gegenüber waren seit Langem eine Mischung aus Dankbarkeit, Schuldgefühl, Ablehnung, Zuneigung und Groll …und eine hintergründige Ahnung, dass ich mich schon als Kind von ihr emotional „benutzt“ fühlte, für ihre Zwecke und Bedürfnisse missbraucht …alles in allem Gefühle, die ich ihr gegenüber nie auszusprechen wagte. Fakt war, dass ich Probleme hatte, mich anderen gegenüber wirklich zu öffnen. Ich konnte mich anderen bis zur Unkenntlichkeit anpassen und hatte über mich selber, meine Gefühle und Bedürfnisse keine Ahnung. Ich wusste oft nicht, wer ich war, zu wem oder wohin ich gehörte, was ich wollte oder warum…

Meine Mutter empfand ich zuweilen als „patent“, selbstbewusst - dann wieder als eine neurotische Person, die es früher oder später schaffte, sich mit jedem zu entzweien. Keiner konnte ihren grandiosen Vorstellungen gerecht werden, nie bekam sie genug von dem, was sie zu verdienen meinte, keiner konnte ihr es recht machen, immer waren es die anderen, die Schuld daran waren, wenn es ihr schlecht ging …und jeder von uns war insgeheim froh, wenn sie einen anderen als uns selbst ins Visier nahm – obwohl wir wussten: In zwei Sekunden konnte man selbst wieder an der Reihe sein …!


Mutter blieb an diesem Abend verschwunden. Wir sahen uns unschlüssig an: Was sollen wir jetzt tun?
Ihr Freund stand schließlich auf und sagte: „Ich schau mal, wo sie geblieben ist …“ und wir waren alle froh, dass er das übernahm. Nach einiger Zeit kam er zurück. Und wandte sich an mich: “Geh und sieh dir das an …!“
„Was soll ich mir ansehen?“
Er schwieg.
Dann sagte er: „Geh bitte – und schau selbst: deine Mutter ist im Bad …“
Mit sehr mulmigen Gefühlen stand ich auf. Was konnte er wohl mit dieser Andeutung meinen?
Zaghaft, fast ängstlich, öffnete ich die Badezimmertür: „Mami …?“
Meine Mutter hing, zusammengesackt, auf dem Klo. Ihr Schlüpfer weit bis zu den Knöcheln heruntergezogen – er war durchnässt …
Sie schien fest zu schlafen, schnarchte leise und war nicht ansprechbar: „Mami, wach auf, um Himmels Willen!“
Verzweifelt rüttelte und schüttelte ich sie. Doch sie brabbelte nur Unverständliches, wehrte alle Versuche ab, sie aufzurichten, sabberte dabei Speichelfäden auf meine Schulter, während mir ihr Atem, der ein Brodem aus Schnaps, Erbrochenem und Essensresten war, mir in der Nase lag.. Sie war einfach nicht wach zu kriegen. Ihr Freund kam mir zu Hilfe und gemeinsam zogen wir ihr den nassen Schlüpfer aus, hakten sie unter und legten sie in seinem Schlafzimmer aufs Bett.
Als ich ins Wohnzimmer zurückkehrte, herrschte betretenes Schweigen. Ich wollte nichts erklären, sagen: ich schämte mich. Für meine Mutter. Für den ganzen Abend, für ihr Verhalten, ihre Aggressivität, ihre Betrunkenheit – und für Anblick, den sie mir und ihrem Freund geboten hatte – und dafür, dass ich ihre Tochter war, ihre Tochter SEIN MUSSTE.
Ich wünschte, ich hätte sie niemals so hilflos, abgefüllt und weggetreten gesehen. DAS war doch nicht meine Mutter! Und ich wollte niemals die Tochter dieser haltlosen, sturzbetrunkenen Frau sein, die meine Mutter war …!

21.4.17 19:09

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bisher 2 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Marie / Website (21.4.17 22:09)
Einfach schlimm und für ganz viele, die so etwas nicht kennen, unvorstellbar.

Die Frage die sich mir stellt, warum kam es überhaupt soweit, was waren die Beweggründe, warum sie sich in die Alkoholabhängigkeit geflüchtet hat. Depressionen, Alkohol sind meistens kein selbstgemachtes Problem,sondern viele Umstände führen da manchmal hin. Wenn zu viel "los" ist.

Es gibt leider zu viele, die dann nicht klar kommen und sich so "helfen". Weil man betrunken den Schmerz nicht spürt.... Natürlich immer der falsche Weg. Gab es denn Versuche es zu ändern, zu helfen, einen Weg zu finden?
Auch wenn eine Mutter-Kind-Bindung manchmal schwer ist (ich weiß wovon ich rede....zwar anders...aber auch schwierig), versucht man doch evtl. trotzdem irgendwie einen besseren Weg zu finden, zu helfen, zu unterstützen.

Die eigene Mutter in so einem Zustand zu sehen, ist für ein Kind (wenn auch schon älter) immer das Schlimmste.
Ich vermute, das es nicht gut ausgegangen ist.....


eman (22.4.17 11:15)
Liebe Marie, das war erst der Anfang.
Einige Deiner Fragen werden vielleicht im nächsten Teil beantwortet und für einige Fragen, vor allem nach möglichen Ursachen: Was kam zuerst, die Alkohol-Abhängigkeit oder die Depression? Waren es die life-events: Kindheit/Jugend im Nationalsozialismus,früher Tod des Vaters, Krieg, früher Tod des Ehemannes..., die nicht verarbeitet wurden?
Alles Fragen, die in einer guten Therapie hätten gestellt, vielleicht "aufgearbeitet" werden können - einer individuellen Therapie, die leider so nicht stattgefunden hat...

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