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Kleine Verhältnisse, Teil I

I. Mein Freund Igu


Wenn ich an ihn denke, spüre ich wieder die Sicherheit, wenn meine Kleinmädchenhand in der warmen, festen Jungenpranke lag. Und das kleine Unbehagen, das mein Freund Ingo bei mir auslöste, wenn er mich „andersrum“ anfasste, als ich es gewohnt war.
Mein erster männlicher Beschützer war drei Jahre alt, von burschikoser Stämmigkeit und für mich eine tägliche Offenbarung des Jungeseins: Ingo roch nach Äpfeln, Kaugummi, Brausepulver, Erde … nach Junge eben.

In meiner Familie war das Männliche deutlich unterrepräsentiert, daher hatte ich schon früh ein Faible für alle Jungs und netten Onkels in der Verwandtschaft und gab meinen Teddys, Puppen und Stofftieren ausschließlich männliche Namen. Unbewußt drückte ich damit aus, wie sehr ich meinen Vater schmerzlich vermisste. Er war gestorben, als ich eineinhalb Jahre alt war.
Was meine Familienangehörigen damals glaubten: Kleine Kinder würden verstorbene Familienmitglieder nicht vermissen, stimmte nicht. Ich war zwar noch ein Baby, als mein Vater starb - nahm jedoch instinktiv und mit allen Sinnen wahr, dass etwas Schreckliches geschehen sein musste: Meine Mutter, Schwester und Großmutter versanken von einem zum anderen Tag in tiefe Trauer und unsere heile 50er Jahre -Familie verschwand plötzlich unter einer dunklen, düsteren Wolke, die unser aller Leben seitdem verfinsterte.

Aus finanziellen Gründen mussten wir in eine andere Wohngegend ziehen: Ein Fall ins soziale Abseits, den junge Witwen und Waisen in den 50ern zu erdulden hatten. Als kleines Mädchen war ich vor sozialer Ächtung noch einigermaßen geschützt und habe unsere finanziellen Verhältnisse noch nicht bewusst als „finanzielle Armut“ wahrgenommen. Was ich mitbekam, waren jedoch die ständigen Sorgen und Mühen meiner Mutter und Großmutter um unser physisches Wohl. Meine acht Jahre ältere Schwester und ich spürten instinktiv, dass wir ihnen nicht noch mehr Kummer und Kopfzerbrechen durch unsere Wünsche und Bedürfnisse machen durften. Wie alle Kinder unserer neuen Umgebung, nahmen wir unser soziales und familiäres Umfeld so an, wie es nun mal war. Und lernten früh, unseren Kummer über den Verlust unseres Vaters, unseres Beschützers, dem Familienoberhaupt und Alleinverdiener, vor der Außenwelt zu verbergen.

Kurz nachdem wir unsere Wohnung in der neuen Umgebung bezogen hatten, klingelte eine Nachbarin mit ihren kleinen Sohn an der Hand, den sie, freundlich plappernd, meiner Mutter entgegen schob: „… unser Ingo ist ja fast im gleichen Alter wie Ihre Kleine, da können die beiden doch schön zusammen spielen …!“
Da stand Ingo nun vor mir: Ein verlegener Dreijähriger mit hellblauer Strick-Wollmütze, ausgebeulten Trainingshosen und einem blauen Anorak, an den Ärmeln zu kurz und mit Flecken vom Rotz, den er noch kurz zuvor geheult haben musste, weil er von seiner Mutter gezwungen wurde, mit zu den doofen, fremden Leuten zu gehen: Zu uns.
Und deshalb weigerte er sich nun strikt, irgendjemandem die Hand zu geben, guten Tag zu sagen oder mich auch nur anzuschauen.
Der trotzige, kleine Stoiker schien auf den ersten Blick nicht der passende Gefährte meines quirligen Kleinmädchendaseins zu sein. Beide Mütter betrachteten uns sowohl belustigt als auch skeptisch.
Obwohl dies meine erste Begegnung mit einem männlichen Schweiger war, ahnte ich, dass Sprechen wohl nicht gerade die Königsdisziplin kleiner Jungen ist. Also zog ich den störrischen Jungen einfach hinter mir her, in mein Zimmer. Als er das hinnahm, ohne Anstalten zu machen, die Flucht zu ergreifen, wickelte ich ihn dort um meinen kleinen Finger, indem ich mit Bonbons, Kaugummi und Schokolade um seine Freundschaft warb. Das funktionierte großartig: Von diesem Tag an waren wir unzertrennlich.

In meinem Kinderzimmer übernahm ich umgehend den Job als Ingos Sprecherzieherin. Besserwisserisch korrigierte ich beim Spielen seine Aussprache: Er heiße nicht „Ingu“ sondern: In-go, es gebe sonntags nicht „Rolladen“ sondern: Rou-la-den, der Familienhund heiße nicht „Schärrie“ sondern Che-ri …
Andere Schlampigkeiten duldete ich ebenfalls nicht:“ Putz dir mal die Nase, Ingo! Halt still, Ingo, damit ich dich kämmen kann!...“
Im Gegenzug hatte Ingo den Job übernommen, mein Personal Coach zu sein, wenn es um das Survivaltraining außer Haus ging.
Seiner Meinung nach benahm ich mich außerhalb des Hauses zu mädchenhaft-furchtsam, zu vorsichtig, zu „dusselich“, um richtig mit mir rumtoben und Abenteuer bestehen zu können. Das konnte ich nicht auf mir sitzen lassen. Nach und nach traute ich mich, an Ingos Seite das Gelände außerhalb der Komfortzone unseres Spielplatzes zu erobern und stapfte ihm schon bald durch Feld, Wald und Wiesen hinterher. Gemeinsam streunten wir durch Nesseln und Kletten, Pfützen und matschige Ackerfurchen. Ingo brachte mir bei, den Sauerampfer auf der Pferdekoppel zu suchen, grüne Äpfel und unreife Pflaumen aus Schrebergärten zu klauen und zu mampfen, manchmal auch süße, vollreifen Erdbeeren und Himbeeren, die oft vom Wurm genau so geliebt wurden wie von uns. Feinmotorisch war ich etwas geschickter als Ingo und konnte die Würmer halbwegs herauspulen. Ingo schluckte sie einfach beherzt mit runter.
Worum ich ihn oft beneidete: Er konnte unser Spiel einfach kurz unterbrechen und an einen Baum pinkeln. Ehrfürchtig bestaunte ich das für mich unnachahmliche Schauspiel des Stehendpinkelns. Als Mädchen wurde einem beigebracht, erst umständlich eine Deckung zu suchen, bevor man sich in die Damenhocke begab – was manchmal dazu führte, dass ich in Gräben fiel, mir die Schuhe anpinkelte oder von Nesseln an Stellen gebrannt wurde, die besonders empfindlich waren. Ingo lachte sich jedes Mal scheckig über mein schamhaftes Gebaren.

Sobald auch nur zwei Millimeter Schnee lag, zogen wir mit unseren Schlitten Richtung Waldrand und schleppten sie dann den ganzen Nachmittag bis zum Einbrechen der Dunkelheit unermüdlich den „Todeshügel“ hinauf, bis unsere Socken in den stets zu kleinen, undichten Stiefeln pitschnass und später gefroren war. Zuhause gab es dann Schelte von unseren Müttern, die unsere blau gefrorenen Zehen mit warmen Fußbädern auftauen und unser Geheul dabei ertragen mussten. Doch sobald wir wieder einigermaßen trocken und durchwärmt waren, machten wir uns auf zur Nachbarstür: „Wollnwerschpieln?“

Ingo hatte ein viel größeres Zimmer als ich - sogar eine Schaukel, von seinem handwerklich begabten Vater selbst gebaut und im Türrahmen verankert. Daran und an den Geschenken zu Weihnachten und zum Geburtstag maß ich manchmal die Liebe unserer Eltern – und schloss daraus, dass ich wohl etwas weniger geliebt wurde. Ingo bekam stets die größeren Geschenke. Neidvoll betrachtete ich sein praller gefülltes Osternest, seinen schöneren Adventskalender, seine größere Schultüte, sein Plantschbecken, seine funkelnagelneuen Rollschuhe, die er über den Füßen schnüren konnte - die nicht mit Weckgummis an den Schuhen befestigt wurden wie die alten Dinger, die ich von meiner großen Schwester übernommen hatte.
Als ich meine Mutter einmal voller Zorn auf diese Ungerechtigkeit hinwies, wurde sie sehr traurig. Sofort hatte ich ein schlechtes Gewissen - und wünschte mir heimlich, sie möge doch einen Polizisten oder Schreiner oder Kaufmann heiraten – damit wir endlich wieder einen Beschützer, Handwerker oder Verdiener im Haus hätten - und einen, der mir das Fahrradfahren beibringen könnte …
An Ingos Leben sah ich, wozu ein Vater gut war. Und beneidete ihn von ganzem Herzen um den schweigsamen, arbeitsamen Mann, der Ingos Vater war. Bis zu jenem Tag, an dem er Ingo die erste Tracht Prügel verabreichte, weil Ingo am Lack von Nachbars Auto gekratzt hatte. Da war ich aber heilfroh, keinen Vater zu haben!

Ingos ganzer Stolz war seine Ritterburg – mit der ich aber nur wenig anfangen konnte. Raubrittern und Erobern machte mir einfach keinen Spaß, mittelalterliche Gemetzel waren nicht so mein Ding. Ingo schimpfte mich eine doofe Nuss, strunzeblöd, Ritter Edelhart so zu meucheln, wie es sich gehörte.
Was ich auch zum Erbrechen langweilig fand: Auto-Quartett. Ein typisches Jungen-Ödigkeitsspiel der 60er Jahre: Man verglich den unter den Autos angegebenen Hubraum, PS-Stärke, Baujahr, Benzinverbrauch und was weiß ich welche Daten miteinander. Und wer die besseren Daten hatte, bekam die Karte des anderen. Was für ein Scheißspiel! Ich verlor immer - und züchtete meine spätere Aversion gegen vierrädrige Männerverschönerer - und männliches Strunzen darüber, wer „den Größten“ hat.
Auch Ingos Märklin - Eisenbahn im Keller seiner Eltern konnte mich nur mäßig erfreuen. Ich ging sowieso nicht gerne runter in die Kellerräume, das war mir zu …unheimlich. Wenn ich mal etwas aus dem Keller holen sollte, pfiff und sang ich immer leise. Keine Ahnung, warum, aber es half ein wenig, die Furcht vor der Dunkelheit zu überwinden – und vermeintliche Mäuse zu vertreiben, die dort unten hausten Mit Ingo zusammen war es im Keller immer auszuhalten. Seine Eltern hatten keinen dunklen, kalten, Kohlen - und Kartoffelkeller wie wir, in dem nur
Gartengeräte, Einmachgläser mit Schattenmorellen, Stachelbeeren und Grünkohl gelagert wurden. Ingos Eltern hatten einen „Hobbykeller“. Dort gab es eine große Werkbank mit Handwerkszeug. Ingo brachte mir das Sägen bei – mit mäßigem Erfolg, denn ich hatte Angst vor den Holzsplittern, die sich oft in mein Fleisch bohrten und dann von meiner Schwester mit unsteriler Nadel oder Pinzette schmerzhaft herausgepult wurden - mit dem Resultat, dass sie sich dann erst recht entzündeten.
In Ingos Keller roch es so anders als bei uns: Nach frisch gesägtem Holz, offenen Leimtuben und Farb-Eimern und aus den Regalen nach eingelagerten Äpfeln, Walnüssen, Kartoffen – manchmal auch nach Rumtopf, Beerenwein, Eierlikör …wovon wir gerne unerlaubterweise ein Schlückchen nahmen, wenn wir mit der Eisenbahn spielten. Wobei „spielen“ nicht der richtige Ausdruck war - eigentlich durfte ich nur dabei zuschauen, wie Ingo mit seiner Eisenbahn spielte. Er war der Meinung, ich als Mädchen eigne sich für seine kostbare Eisenbahn „wie der Igel zum Arschputzen“. Nur weil die Loks, die ich steuerte, öfter mal aus der Spur glitten und dann langwierig repariert werden mussten …
Ich malte ohnehin lieber die kleinen Figuren oder Häuser an, die den Bahnhof und die kleine Stadt auf dem Tapeziertisch lebendig machten. Ich mochte den Geruch von Lack und Kleber. Davon wurde uns immer so schön schwummerig - leider bekamen wir später üble Kopfschmerzen davon.

In meinem Zimmer gab es überhaupt kein teures oder technisches Spielzeug – ich musste viel Phantasie und Geschick entwickeln, um aus Alltagsgegenständen etwas zu basteln. Ein Schuhkarton beispielsweise war im Sommer mein Puppenhaus, im Herbst Aufbewahrungsort für Sammelbilder und Glasmurmeln und im Winter wurde der Deckel entfernt und unterschiedlich große Tore hineingeschnitten. Dann stellte man ihn im langen Flur in einiger Entfernung auf und versuchte, Murmeln in eines der Tore zu bugsieren.
Und ich hatte ein Puppenhaus, eine Post, einen Kaufmannsladen und einen Erste-Hilfe-Koffer, um den Ingo mich beneidete. Mit Inbrunst spielten wir stundenlang „Tierazt“ – ich hatte eine große Stofftiersammlung an Klein- und Großvieh, das operiert und verarztet werden konnte. Reibereien gab es regelmäßig wegen der Stellenbesetzung, vor dem Spiel. Ingo wollte IMMER der Arzt sein und ich durfte immer NUR Sprechstundenhilfe sein. Das gefiel mir nicht und ich erpresste von ihm die Zusage, nach angemessener Zeit die Rollen zu tauschen. Was Ingo regelmäßig „vergaß“ - zur Strafe wurde er dann von mir des Zimmers verwiesen.
Wenn wir uns später wieder versöhnt hatten, spielten wir draußen auf der Wiese vor dem Haus Vater, Mutter und Kind. Diese Rollen waren von vorneherein klar, man musste nicht um die Besetzung streiten – und dabei war ich als „Die Mutter“ klar im Vorteil. Mittels einer Wolldecke wurde zunächst gemeinsam ein „Zuhause“ gebaut. Das war eine geschäftige, friedliche und schöne Zeit. Immer wieder klingelten wir unsere Familien aus wichtigen Tätigkeiten, weil wir unser Nest schmücken wollten und dazu aus der Wohnung so ziemlich alles stibitzten, was wir heranschaffen konnten: Löffel, Quelle-Katalog, Obst, Gardinen, Brote, Gabeln, Puppen, Plüschtiere, Kissen, Deckchen, Puppenherd und Spülschüssel …
Wenn das Nest gebaut und eine anschauliche Schar von imaginären Kindern, Hunden, Pferden und Kühen um das Haus verteilt war, hatte ich als „Die Hausfrau und Mutter“ meinen Lauf: Nahrung sammeln, kochen, Kinder wickeln, anziehen, füttern und manchmal vertrimmen, die Bude putzen, Tiere versorgen …
Ingo hatte als „Mann im Haus“ die Arschkarte. Er musste nur früh am Morgen das Haus verlassen und „arbeiten gehen“ – und abends spät heimkommen und essen. So wie es bei uns in der Gegend eben alle Männer taten. Während Ingo in seinem Job lustlos an den Büschen rummurkste und „Brennholz machte“, war ich multi-tasking-mäßig beschäftigt. Und schimpfte wie ein Rohrspatz, wenn Ingo es wagte, zu früh nach Hause zu kommen, bevor das Essen (Gänseblümchen an Zwieback zu frisch gezupftem Löwenzahn) fertig war. Dann schickte ich ihn mit langen Listen einkaufen und war heilfroh, ihn wieder los zu sein. Ingo war ein unengagierter Arbeiter, der ständig einen Grund fand, das behagliche Nest, das ich so schön dekoriert hatte, mit seiner tumben Gegenwart zu stören. NIE zog er seine Schuhe aus, bevor er unser Wolldeckenheim betrat und IMMER setzte er sich auf eines der Kinder, die ich gerade zum schlafen gelegt hatte.

Die gesamte Nachbarschaft amüsierte sich oft über unsere „Beziehungsgespräche“, die damit endeten, dass einer von uns tief beleidigt das Feld verließ. In zorniger Absicht trat man aber vorher noch etwas kaputt, das dem anderen heilig war oder schmiss ihm das liebevoll zubereitete Gänseblümchen-Suffle an den Kopf.
Danach herrschte manchmal tagelang eisiges Schweigen – man spielte vor den Augen des anderen mit anderen Kindern. Und ließ den verschmähten Spielkameraden extra nicht mitmachen und im eigenen Saft schmoren.
Nach einiger Zeit verbündeten wir uns aber wieder – um unser Lieblingsspiel zu spielen, indem wir alle Klingelknöpfe der Nachbarn auf einmal drückten und dann so schnell wir konnten wegliefen, bevor uns einer dabei erwischte: „Klingelmännchen“.

Als Ingo und ich in den Kindergarten kamen, bedeutete das für mich ein herbeigesehntes Abenteuer, für Ingo jedoch eine Veränderung seiner Komfortzone, die ihm nicht gefiel. Er mochte das braune Leder-Brottäschchen nicht, das man uns um den Hals hängte, während ich stolz wie Oskar meines öffnete und zumachte, öffnete und zumachte und mich täglich über den Proviant freute, den meine Mutter darin eingepackt hatte: Ein Apfel, ein kleines Marzipanküchlein, Butterbrot mit Banane, Karamellbonbons …
In dieser Zeit bekam Ingo für den Kindergarten auch seinen ersten Herrenhaarschnitt. Um Kosten für den Frisör zu sparen, hatte seine Mutter es selbstgemacht - und ihn dabei fast kahlgeschoren. Als ich Ingo zum Kindergarten abholen wollte, hörte ich ihn bereits im Flur jammern und schreien. Seine genervte Mutter riss die Tür auf, als ich klingelte, die Schermaschine noch in der Hand und fauchte:“ Ingo, kriegt gleich noch eine gescheuert, wenn der so weitermacht …!“
Vorsichtig lugte ich um die Ecke, wo Ingo wie die Miniatur eines Galerensträflings auf einem Küchenstuhl kauerte, ein Handtuch um die Schultern, und heulte Rotz und Wasser. Der Küchenboden war übersät von Ingos einstiger Lockenpracht. Ganz vorsichtig berührte ich zart den kahl rasierten Kinderschädel meines Freundes. Und flüsterte: „Sieht gar nicht soo schlimm aus! Siehst aus wie`n … äh … wie`n richtiger Mann, Ingo!“
Da hat er glatt vergessen, weiterzuheulen. Ich nahm meinen geschändeten Freund dann einfach bei der Hand und führte ihn an seiner erstaunten Mutter vorbei, mit mir hinaus, ins Freie.
Und wer es später im Kindergarten gewagt hat, über Ingos Glatzkopf zu lachen, hat von mir eins auf die Ömme gekriegt.



Einige Jahre später fanden die Voruntersuchungen für unsere Einschulung im örtlichen Gesundheitsamt statt – wir hatten eine für uns aufregende und furchteinflößende Prozedur der Beschau zu überstehen, wurden gemessen, gewogen und geimpft. Und geprüft, ob wir die nötige Schulreife hatten. Ein Arzt im weißen Kittel legte mir nach kurzem Gespräch ein Bild vor, eine Marktszene, und ich sollte ihm erzählen, was ich sah. Nichts leichter als das - ich war ja ein fantasie- und sprachbegabtes Kind und wollte gar nicht mehr damit aufhören …doch er unterbrach mich viel zu schnell und fragte, welchen Weg wir hierher gegangen seien und ob mir auf diesem Weg etwas besonders aufgefallen wäre. Endlich wollte ein Erwachsener mal ein Gespräch mit mir führen, das fand ich großartig! Leider unterbrach er mich aber wieder, gerade, als ich so schön im Fluss war.
Hinterher war ich überzeugt, dass der Arzt sicher bemerkt hatte, dass ich gleich in die zweite Klasse eingeschult werden musste...
Wochenlang warteten wir gespannt auf das Ergebnis unserer „Reifeprüfung“. Instinktiv bekamen wir mit, dass das Resultat unserer auch für unsere Familien von Wichtigkeit war. Es sollte bestätigt werden, dass wir „normal“ waren und nicht zur Sonderschule mussten - damals noch das absolute soziale Abseits für Kinder und ihre Familien.

Als endlich unsere Ergebnisse mit der Post kamen, war ich es, die Rotz und Wasser heulte: Auf Anraten des Arztes sollte ich noch ein weiteres Jahr im Kindergarten bleiben. Ich sei noch zu klein und zart, noch zu verspielt ...und meinen Freund Ingo, den fast ein Jahr älteren, inzwischen einen Kopf größeren – den wollten sie einschulen.
Ich war empört! Zum ersten Mal in meinem jungen Leben genügte ich den Anforderungen nicht. Das war gemein – schon deshalb, weil ich keine Ahnung hatte, was ich denn „falsch“ gemacht hatte. Ich konnte einfach nicht begreifen, dass Ingo ohne mich eingeschult werden sollte – zumal er gar keine Lust dazu hatte. Und ich, die ich ALLES gegeben hatte, mich ins beste Licht zu rücken, die darauf BRANNTE, endlich, endlich ein Schulkind zu werden, mich WOLLTEN DIE NICHT!?
Ich kämpfte um meine Einschulung mit der Verbissenheit und Theatralik einer abgehalfterten Schauspielerin, der man den großen Auftritt verwehren wollte. Ich heulte und bettelte so lange, bis meine Mutter mürbe war und schließlich einwilligte, mich mit meinem Freund Ingo zusammen einzuschulen: Auf Probe!

An meinem ersten Schultag war ich im siebten Himmel. Wie immer war ich es, die dem Neuen aufgeregt entgegenzappelte, während mein Freund Ingo wortkarg neben mir herschlurfte.
Wir hielten uns an den Händen, die neuen Lederranzen drückten ungewohnt schwer im Rücken. Sonntäglich gekleidet gingen wir unseren Familien voran. Der Weg zur Schule zog sich – noch durften wir unsere bunten Schultüten nur in der Hand halten und noch nicht nachschauen, welche Schätze darin verborgen lagen. Verstohlen versuchte ich durch Schütteln herauszufinden, ob es vielversprechend klang:

„Ingo?“
„Hmm.“
„Bist du nicht neugierig, was in deiner Tüte drin ist?“
„Nö“
„Warum nicht?“
„Weil ich`s weiß.“
„Wieso? Wir dürfen doch erst nachher …?“
„Hab gestern Abend schon gespinst ....“
„Boah …!? Und wenn die dich erwischt hätten?“
„Mir doch egal …!“
„…“


Wieder war es Ingo, der stets den eigenen Prioritäten Vorrang gab und mich lehrte, dass Verbote auch dazu da sind, sich manchmal darüber hinwegzusetzen.

20.3.17 14:04

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bisher 4 Kommentar(e)     TrackBack-URL


padernosder (20.3.17 20:49)
Hallo,

auf einer Decke "Familie" spielen, ein braunes Leder-Täschchen für den "Vesper", Kartoffeln und "Eingemachtes" im Keller - ein fast perfektes Déjà-vu, wären da nicht die Brenn-Nesseln an zarten Hautpartien... ;-)

Aber der kleine Unterschied muß eben sein, damit wir nach den Kindertagen etwas Neues zum Spielen haben und uns wieder bei den Händen fassen können, um den Zaudernden mitzunehmen, um die Hemmnisse zu beseitigen. ;-)

Wenn es richtig ist, daß die ersten Jahre prägend für einen Menschen sind, dann kenne ich Dich jetzt in- und auswändig! :-))


Marie / Website (20.3.17 21:04)
Einfach herrlich wie Du schreibst...ich hätte jetzt noch ewig weiterlesen können. LG, Marie


(21.3.17 09:09)
Hallo!
Ich bin durch Zufall in deinen Blog geraten. Die Geschichte hat mich sehr an meine Kindheit erinnert. Der Junge hieß Bernd und war mein Cousin. Wir waren bis zur Lehre fast immer unzertrennlich.
Deine Geschichte liest sich einfach gut. Ich hätte weiter lesen koennen.
L.G.mausfreddy


eman (21.3.17 12:23)
Liebe @Marie, @padernosder, @mausfreddy - ich freue mich sehr über Eure Kommentare!
Meine kleine Zeitreise von den 50ern über die 60er in die 70er Jahre hat insgesamt sieben Teile - ich poste in Folge auch die übrigen Teile und bin sehr gespannt auf Eure Lese-Eindrücke, Assoziationen, Kommentare: Welcome to the sixties ...!

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