Letztes Feedback

Meta





 

Kleine Verhältnisse, Teil VI, VII und Schluss.

VI. Wild thing …!




Ina und ich hatten beschlossen, uns nie wieder zu verlieben. Unsere Kleinmädchen-Freundschaft bekam langsam eine ganz neue Innigkeit: Wir gegen den Rest der Welt: Herzensbrecher, Ignoranten und Macho- Chefs. Fast jeden Tag verbrachten wir wieder zusammen, alberten herum und lamentierten über Gott und die Welt und das Erwachsenwerden.
Unseren Exfreunden wollten wir nicht mehr über den Weg laufen und nur noch raus aus unserer miefigen Kleinstadtatmosphäre! Alles schien uns plötzlich zu klein, zu beschränkt. Beide träumten wir davon, nach Abschluss unserer Lehre von Zuhause wegzuziehen und eine Weiterbildung zu machen. Ina als PTA, ich als … „irgendwas Soziales“.
Jedes Wochenende, wenn wir ausgehen wollten, nahmen wir nun den Bus und fuhren in die nahegelegene Kreisstadt. Praktischerweise waren unsere beiden älteren Schwestern bereits verheiratet und wohnten dort. Beide waren im letzten Lehrjahr schwanger geworden und hatten im Eiltempo ihre Freunde geheiratet - noch bevor die Nachbarn mitbekamen, dass sie heiraten „mussten“.
Ina verstand sich sehr gut mit ihrer älteren Schwester, wohl auch deshalb, weil sie nur drei Jahre auseinander waren. Meine Schwester, die acht Jahre älter als ich war, ließ mich in einer Art Hassliebe deutlich spüren, dass ich für sie immer ein „dummes Huhn“ sein würde. In der Enge unseres Zuhauses führten wir vier Frauen ein erbittertes Streitorchester, in dem die Älteren die Jüngeren kontrollierten und drangsalierten: Oma gegen Mutter, ältere Schwester gegen die Jüngere. Erst nachdem meine Schwester ausgezogen war, wurde es durch die Distanz ein wenig besser: Ich hatte endlich mein eigenes Zimmer und sie ihre eigene kleine IKEA-Wohnung, in der vom SÖREN-Sofa bis zum SMOLAND-Regal alles wie aus dem Katalog aussah.
Sie hatte auch einen süßen, kleinen Jungen zur Welt gebracht. Einerseits bewunderte ich sie deswegen - wie ich sie insgeheim auch bedauerte, schon Verantwortung für so ein kleines, hilfloses Wesen tragen zu müssen. Meinen Schwager mochte ich immer noch nicht – es war der erste (und einzige!) Freund meiner Schwester. Ich fand es schrecklich, dass meine Schwester seit ihrer Eheschließung finanziell komplett abhängig von ihm war. Meinem Erachten nach hatte sie sich nicht aus der Dauerkontrolle unserer klammernden Helikopter-Oma-Mutter-Fraktion befreit, sondern nur eine Abhängigkeit gegen die andere getauscht.
Inas Schwester war - auch mit Kind - flippiger und selbstbestimmter unterwegs. Sie fuhr mit uns in ihrem VW-Bus zu Life-Konzerten unserer Lieblingsbands, einmal auch zu einem Pop- Festival. Langelsheim war zwar nicht „Woodstock“ - doch in Südniedersachsen eine kleine Sensation, weil dort auch Bands auftraten, die wir aus dem Fernsehen kannten. Drei Tage lang gab es ein „Happening“ der besonderen Art: Ein lockeres und unbekümmertes Miteinander junger Menschen, die jene Musik verband, die gegen den Zwang zur Anpassung rebellierte. Trotz der Menschenmassen verlief alles friedlich – vermutlich, weil Hundertschaften junger Leute, die drei Tage zusammen verbrachten, die meiste Zeit über betrunken oder stoned waren – versorgt von Typen, die mit Bauchläden über den Platz bummelten und ihre Ware anpriesen: „Shit, Trips …!“
Zwischen Schallplatten- und Bücherständen warben Amnesty International, Anhänger des Baghwan Shree Rajneesh, Atomkraftgegner, Hare-Krishna-Leute, Hells Angels, Feministinnen, Kommunisten und Jesus-People einträchtig nebeneinander um Mitgliedschaft: Wenn Jesus lebte – dann auf diesem Pop-Festival!
Man gab sich grenzenlos tolerant und weltoffen: Alles war erlaubt – und sollte möglichst ausländisches Flair haben, ungewohnt, auffällig, abgefahren oder individuell sein. Man konnte handgearbeitete, marokkanische Sitzkissen kaufen, indische Saris und türkische Kaftans, Shitpfeifen, Räucherstäbchen - eben alles, was ein Hippieherz begehrte.
Gleich neben den Toiletten lagen die Fressbuden - hier waren nicht nur die größten Menschenschlangen, sondern womöglich auch jede Art harmloser bis ansteckender Keime versammelt …
In eines der Großzelte schauten wir nur interessehalber hinein – eine miefige, stickige Unterkunft, in der es zur Mittagszeit nach Alkohol, Räucherstäbchen und Schweiß roch. Das war nichts für uns – wir kleideten uns zwar gerne flippig, nahmen aber lieber die Strapazen auf uns und fuhren nachts nach Hause, um in unseren gutbürgerlichen, sauberen Federbetten zu schlafen.
Der Höhepunkt am Samstagabend sollte GENESIS sein. Als sie mit drei Stunden Verspätung endlich anfingen zu spielen, taten uns bereits die Beine vom langen Stehen weh, von den Gerüchen der Räucherstäbchen, Bratwurstbuden und Haschzigaretten wurde uns allmählich kotzübel und unsere Zwerch- und Trommelfelle wurden durch die Riesenboxen, an denen wir uns platziert hatten, ordentlich ins Schwingen gebracht. Was der euphorischen Stimmung aber keinen Abbruch tat, als GENESIS endlich loslegte.
Die Zeit verging wie im Flug und wir hätten noch die ganze Nacht über tanzen und lauschen können, als nach einer letzten Zugabe Peter Gabriel ans Mikro trat und den letzten Künstler des Abends ansagte: „…and now, listen to the Godfather of playing Sitar: Ravi Shankar!“
Als der barfüßige Inder im Sari die Bühne betrat, uns ehrerbietig mit „Namaste“ begrüßte, sich dann im Schneidersitz auf den Boden setzte, wussten nur wenige Eingeweihte, was folgen würde – die meisten hatten seine seltsam anmutende Langhalslaute, die Sitar, vorher noch nie gesehen. Einige vermuteten, dass jetzt eine langweilige Folklore – Darbietungen käme und verließen bereits den überdachten Platz.
Als die ersten Klänge ertönten, wurde es jedoch mucksmäuschenstill und das Publikum begann, sich ebenfalls zu setzen und sich am Boden zu lagern. Selbst übermüdete, aufgekratzte Kinder hörten auf zu greinen und ließen sich von den sanften Klängen in den Schlaf tragen. Fasziniert lauschte ich zum ersten Mal dieser indischen Musik und dem Gesang. Es war, als transportierten diese Klänge eine persönliche Botschaft an mich, die meine Seele erschauern ließ und sehnsuchtsvolle Empfindungen wach rief. Geheime Sehnsüchte begannen, Raum einzunehmen: Meine Sehnsucht und Suche nach Liebe, Ganzheit, Bewusstheit und Sinn … darunter, tief verborgen, Schichten von Traurigkeit, Hilflosigkeit, Resignation und Zweifel, meinen kindlichen, inneren Frieden längst verloren zu haben – oder die Angst, ihn niemals in mir finden zu können.
Ravi Shankar erschien mir so …wahrhaftig. Er war mit Abstand der Älteste auf diesem Festival – und der Nüchternste. Er strahlte eine fast überirdische Konzentration und Meisterschaft aus, die mich dermaßen ergriff, dass es mir die Tränen in die Augen trieb.
Nach seinem Auftritt fühlte ich mich tief berührt, wie in Trance. Nie zuvor hatte mich ein Mensch mit dem, was er durch seine Kunst, Kultur und Religion vermittelte, so innerlich berührt und aufgerüttelt. Nicht einmal mit Ina wollte ich darüber sprechen. Auf der Rückfahrt tat ich, als ob ich schlief. In Wahrheit aber grübelte ich: Alles in meinem Leben schien in die falsche Richtung zu laufen: Meine Lehre als Zahnarzthelferin war nicht viel mehr als tägliche Routine – hatte mich Medizin jemals interessiert? Ich mochte den Umgang mit Menschen – aber für den kaufmännisch-medizinischen Teil interessierte ich mich nur mäßig.
Mein Zuhause war kein heimeliger Ort: Mutter und Großmutter fühlten sich vom Schicksal bestraft und waren auf ihre persönlichen Verluste fokussiert. Sie hielten an ihrer Opferrolle und erlernten Hilflosigkeit fest – obwohl sie als Witwen in vielem eigenständiger und unabhängiger lebten, als verheiratete Frauen ihres Alters. Sie konkurrierten miteinander – und mit meinen Tanten - wer die größeren Verluste durch Krieg, Vertreibung, Flucht,Todesfälle zu erleiden hatte. Statt sich gegenseitig den Rücken zu stärken und zu trösten, versuchten sie, ihre Trauer wie ein Schutzschild vor weiteren Verletzungen vor sich her zu tragen. Sie hatten viel Tragisches und Schlimmes „überlebt“ – aber selten gelebt.
Meine ersten Liebesbeziehungen erschienen mir wie eine Aneinanderreihung von Enttäuschungen: Als hätte man sich allein im Urwald verirrt und dann endlich jemanden gefunden. Aber nachdem die erste Freude über den Gefährten vorüber war, musste man feststellen, dass man sich nun zu zweit verirrt hatte …
Ich lebte nur für das Wochenende, für Partys und Discos – wo man sich die Welt kompatibel trank. Alkohol oder Drogen waren auch in Kleinstädten eher die Norm, als die Ausnahme: Die Dealer standen längst nicht mehr nur an den Discotheken - sondern inzwischen auch an den Schulhöfen. Einige, die früher Kiffer waren, nahmen inzwischen „Trips“, waren tagelang „high“ oder flippten völlig aus. Einige Freunde waren durch drogeninduzierte Psychosen in der Psychiatrie gelandet. Und ein „wildes“ Mädchen aus dem Schützenhaus war betrunken und bekifft mit ihrem Moped frontal an einen Baum gefahren. Sie starb noch am Unfallort …
Wo lag bloß der Sinn in alledem?












VII. The answer, my friend …



Was du suchst, sucht dich: Eines Tages begegnete ich einen Typen, der ebenfalls mit solchen Sinnfragen beschäftigt schien: Auf einer Bank im Park saß Uwe mit einem Buch von Hermann Hesse „Goldmund und Narziss“. Auf der gegenüberliegenden Bank saß ich, vertieft in „Yoga für Menschen von heute“.
Durch die Wahl unserer Literatur hielten wir uns gegenseitig für außerordentlich interessant und lugten immer wieder über den Rand unserer Lektüre hinweg zum anderen hinüber. Schließlich bot er mir eine „Benson & Hedges“ an und reichte mir dazu sein goldenes Feuerzeug – und ich fragte mich im Stillen, wem er mit diesem Angeberzeugs wohl imponieren wollte.
Er trug sein blondes Haar schulterlang, aus einem, bis zum Bauchnabel geöffneten Batikhemd mit Fledermausärmeln lugte ein athletisch gebauter Oberkörper. Auf spärlicher Brustbehaarung ruhte ein Goldkettchen mit Kreuz, er trug hautenge Schlaghosen und Plateauschuhe: Eine Mischung aus Abi Ofarim und Junge vom Bahnhof Zoo ...
Mein Outfit sah, der angesagten Mode entsprechend, ebenfalls etwas „drüber“ aus: Maxi-Tweed-Rock, der mir bis zu den Knöcheln ging, dazu eine weiße, hochgeschlossene Rüschenbluse und ein selbstgehäkeltes Dreieckstuch. Dazu trug ich Schnürstiefeletten mit hohen Absätzen, die mich fast die Hälfte meines Lehrlings-Gehaltes gekostet hatten. Fehlten eigentlich nur noch Schirm, Hut und Tasche, dann hätte ich als „Mary Poppins“ durch den Park schweben können...

Wir konnten gleich wunderbar über Gott und die Welt reden und so verging der Nachmittag wie im Fluge.
Anschließend schlenderten wir Richtung Innenstadt, besuchten erst die Eisdiele, dann die Bratwurstbude – und mochten uns danach immer noch nicht trennen. Währen wir uns angeregt über makrobiotisches Essen, Musik und Malerei unterhielten, schlossen um uns herum langsam die Geschäfte.
Uwe lud mich in die „Tangente“ ein. Ich mochte diese neue Disco nicht, die seit kurzem dem Schützenhaus Konkurrenz machte: Mit Türstehern, Eintritt, Verzehrzwang und Travolta-Ambiente: Sitznischen aus rotem Kunstleder und Discokugel über der Tanzfläche...
Aber an Wochentagen war bereits ab neunzehn Uhr geöffnet und man kam gratis rein. Wir waren die ersten und einzigen Gäste: wie gemütlich!
Zwei Stunden später war der Laden randvoll – uns war das inzwischen egal, weil wir in eine heiße Debatte über alternative Lebensformen verwickelt waren. Uwe wollte auch so schnell es ging Zuhause ausziehen. Mit seinem besten Freund Helge und anderen wollte er eine „WG“ gründen, sie suchten bereits ein geeignetes Objekt…
Er begann, mir von seinem Zuhause zu erzählen:
„Ich bin in der Südstadt aufgewachsen…“
„Verstehe.“
„Ich weiß schon, was du jetzt denkst: Soziales Abseits und so…“
„Willst du eine höfliche Antwort oder eine ehrliche?“
„`Ne ehrliche!“
„Na, „Südstadt“ – da stehen doch diese … Baracken…!“
„Genau.“
„Echt jetzt: DA hast du gewohnt?“ Ich schwieg betreten.Diese heruntergekommenen Häuser gegenüber des Friedhofs, in denen im Sommer der Strom und im Winter die Heizung abgestellte wurde, wenn die Mieter in Zahlungsschwierigkeiten waren, kannte jeder – dort ging man schnell vorbei, wenn man sich schon dort aufhalten musste…
Sein „Alter“, wie Uwe seinen Vater nannte, war in den 50er Jahren mit seiner Familie aus Polen ausgewandert und über Göttingen-Friedland in unsere Stadt gekommen. Jahrelang hatte er auf dem Bau gearbeitet und Uwes Mutter als Siebzehnjährige geschwängert. In rascher Folge hatte er der jungen Frau ein Kind nach dem anderen gemacht, das Geld oft versoffen und verspielt. Wenn es nichts zu essen gab, hatte er seine Frau zu seinen Saufkumpanen geschickt, "um die Haushaltskasse aufzubessern". Und wenn sie nicht wollte, gab es eine Tracht Prügel …
„Mein Alter ist ein Zuhälter und Tyrann – meine Mutter ist dem irgendwie hörig. Das verstehe, wer will – ich tu`s jedenfalls nicht!“
„Ist für dich sicher nicht einfach gewesen.“
„Nicht einfach? Wenn man seine Mutter vor diesem besoffenen Arsch beschützen will und selber halb tot geprügelt wird…? Da hast du Recht, das ist „nicht so einfach“.“
Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Bis jetzt hatte ich nicht viel mit polnischen oder russischen Einwanderer-Familien zu tun – schon gar nicht mit dem, was die Spießbürger „soziales Abseits“ nannten.
In der kleinen, heilen Fachwerkidylle am Rande des Harzes brodelten seit dem dritten Reich unterschiedlichste Konflikte: Polnische Einwanderer wurden von manchen Einheimischen als „Pollaken“ verhöhnt, systematisch ausgegrenzt, kriminalisiert und an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Wer „Kowalski, Nowak oder Michalek“ hieß, seine Kinder Janosch, Hans-Alfons, Olga oder Magdalena nannte, hatte in unserer kleinen Stadt einen schweren Stand.
Den unrühmlichen Teil unserer Stadtgeschichte im „Dritten Reich“ hatten unsere Lehrer gerne übersprungen, auch unsere Eltern hatten sich darüber lieber ausgeschwiegen: Dass russische und polnische Kriegsgefangene den Betrieb kriegswichtiger Fabriken und die Landwirtschaft mit am Laufen gehalten hatten – auch im beschaulichen Harzer und Sollinger Umland gab es Arbeitslager …
Wer die überlebt hatte, durfte nach dem Krieg bleiben – in neu eingerichteten „Unterkünften“. Später kamen Russlanddeutsche und Deutsch-Polen dazu, die geflüchtet oder ausgewandert waren und im Lager Friedland bei Göttingen landeten. Bei der Bevölkerung hießen sie höhnisch „Beuteldeutsche“ - weil sie nichts hatten, als das, was sie mit sich trugen. In den 50er Jahren des Wiederaufbaus und den 60er Jahren des Wirtschaftswunders hatte man diese „Pollacken“ und „Russkis“ als Arbeitskräfte ausgenutzt - als Nachbarn waren sie bis in die 70er und 80er Jahre nicht gern gesehen und nur selten willkommen.

Mit seiner deutsch-polnischen Geschichte weckte Uwe meine Neugier - und mein Mitgefühl für Menschen, die wegen ihrer Herkunft, Sprache oder sozialen Not an den Rand der Gesellschaft gedrängt wurden. Ich fand es bewundernswert, dass er dem Leben einiges abgetrotzt hatte und sich für vieles interessierte. Der familiäre Hintergrund schreckte mich und die soziale Ausgrenzung, unter der Uwe zu leiden hatte, machte mich wütend.
Nachdem ich ihm einen Asbach-Cola geordert hatte, beschloss ich, endlich mal aktiv zu werden und mein Scherflein zur deutsch-polnischen Verständigung beizutragen: Ich küsste einen, der mit Nachnamen „Kowalski“ hieß …


In den folgenden Monaten half ich Uwe, eine eigene Wohnung zu finden.
Nachdem ich seine Eltern kennengelernt hatte, bei denen er mit seinen vier Brüdern wohnte, verstand ich ihn noch besser. Sein „Alter“ thronte feist im Schiesser Feinripp und Jogginghosen in einem Sessel und trank schon am Mittag Schnaps. Die straßenköterblonde Mutter saß dümmlich kichernd daneben auf dem Sofa. Die Wohnung wirkte düster, weil die Jalousien auch tagsüber meistens heruntergelassen waren. Es roch ungelüftet, nach Mittagessen und nach Armut. Obwohl die Zimmer der Jungen groß waren, wurden sie im Winter nur selten beheizt. Es gab nur kleinen Öfen und die Jungs mussten selber für Kohle und Holz sorgen. Die Küche war für mich DER Oberhammer: Der Kühlschrank war mit einer Riesenkette samt Vorhängeschloss abgesperrt. Als der „Alte“ vom Wohnzimmer aus beobachtete, wie ich mit schreckensweiten Augen diesen Kühlschrank anstarrte, schien er in Erklärungsnot: „… die Burschen fressen uns sonst noch die Haare vom Kopf!“
Alle Jungs waren gertenschlank. Nur der Alte, der passte kaum in seinen Sessel!
Mir war klar: Hier – und so - sollte Uwe nicht länger leben müssen!
Oft saßen wir in seinem Zimmer und sichteten Zeitungsannoncen. Und wir wurden fündig. Einige Male wurde Uwe von den Vermietern wegen seines Nachnamens abgelehnt – in einer Kleinstadt kennt eben jeder jeden. Es war stadtbekannt, dass der „Alte“ seit einiger Zeit eine berüchtigte Kneipe betrieb: Direkt gegenüber vom Gefängnis…







VIII: Oh baby, baby, it`s a wild world ...!




Eines Tages hatte Uwe das Glück, ein Zimmer zur Untermiete zu bekommen -bei einer Dame mittleren Alters mit Boxerhündin, die aus der Pelle zu platzen drohte und permanent sabberte. Diese Vermieterin hatte von vorneherein etwas gegen „Damenbesuche“ – in diesem Falle gegen mich. Trotzdem lief ich bei Uwe auf, so oft ich konnte. Und machte auch keinen Hehl daraus, dass ich dabei auf den Sabber der alten Hündin gerne verzichten konnte.
Bei Uwes beste Freunden, Helge und Jörg, war ich auch nicht gerade willkommen. Die betrachteten mich als Konkurrenz und potentielle Gefahr für zwei Unternehmen, die sie mit Uwe gründen wollten: Die Wohngemeinschaft und einen Antiquitätenhandel, mit dem sie sich selbständig machen wollten.
Uwe jobbte, seitdem er die Schule ohne Hauptschulabschluss verlassen und eine Lehre als Maler abgebrochen hatte, als Fensterputzer bei der Firma Heinrichs. Der Chef hatte sich auch als berühmt-berüchtigter Sammler und Händler von Trödel und Antiquitäten einen Namen gemacht. Durch seine Arbeit kam er viel herum und da er ein kommunikativer Mensch war, bekam er oft als erster mit, wenn es bei gutbetuchten Leuten zu Haushaltsauflösungen, Insolvenzen oder Todesfällen kam. Er war oft der Erste, der Verkaufsgespräche über Nachlässe führte – bevor andere Interessenten die Sachen zu Gesicht bekamen. Im Laufe der Zeit hatte er ein gutes Auge für den Wert alter Möbel, die er von seinem Sohn und dessen Freunden aufarbeiten ließ. So hatte er es mit der Zeit zu einer tollen Villa mit ausgesuchten Antiquitäten gebracht. Zur Tarnung schickte er Uwe über die Dörfer – um Dachböden und Keller zu sichten. Ältere Damen waren oft froh, „den Trödel“ loszuwerden und steckten dem netten jungen Mann für den Abtransport sogar noch einen Schein zu. Wenn die geahnt hätten, was Uwe dafür auf Flohmärkten oder von seinem Chef bekam…!

Eines Tages sprach die Zimmervermieterin Uwe direkt auf „einen Missstand“ an: Mich.
„Die „junge Dame“ ist fast täglich bis Spätabends da – so habe ich mir das nicht vorgestellt! Ursprünglich wollte ICH ja ein wenig Gesellschaft im Haus – ich dachte, wir würden abends mal zusammen fernsehen, Herr Kowalski…!“
Das reichte, um das Projekt „Wohngemeinschaft“ voranzutreiben. Da die drei Freunde von Uwe alle volljährig waren und feste Jobs vorzuweisen hatten, konnten sie - mit Fürsprache von Helges Vater - schon bald ein Fachwerkhaus aus der Jahrhundertwende anmieten. Sie waren die drei Hauptmieter – zwei weitere Freunde wollten als Untermieter die erste und zweite Etage nutzen.

Wie ein Lauffeuer sprach sich das in einschlägigen Kreisen vom Schützenhaus bis zur Tangente herum und kaum, dass die drei ihre Zimmer im Erdgeschoss renoviert hatten, lief schon die erste Party…
Und das blieb auch so. Wer Bock auf eine Fete oder Session hatte, eine kostenlose Übernachtungsmöglichkeit in der Stadt suchte, nichts zu Essen hatte, zu Hause rausgeflogen war, Langeweile hatte oder nur mal ganz in Ruhe und gepflegt einen Joint rauchen wollte, klingelte in der „Kommune“ – irgendjemand öffnete immer. Und wenn es nur jemand war, der auch nur zu Besuch war…
Uwe bewohnte in der unteren Etage zwei riesige Zimmer mit Stuckdecken – da noch Sommer war, kam der Schock mit den Heizkosten erst ein paar Monate später…
Seine Freunde nahmen mich mit der Zeit in Kauf – waren aber grundsätzlich der Meinung: „Wer zweimal mit der Gleichen pennt, gehört schon zum Establishment!“ Das fand ich genau so chauvinistisch wie die Meinung der Spießbürger, von denen sie sich abgrenzen wollten: Junge Männer müssen sich die „Hörner abstoßen“ und Erfahrungen sammeln, bevor sie eine „feste“ Freundin haben. Ich hielt moderat feministisch dagegen:„…alles schön und gut, Jungs – nachdem die Frauen die Pille nehmen, hat sich die sexuelle Ausbeutung durch den Mann nur noch vergrößert. Nicht nur die Frauen haben durch die Pille mehr „Freiheiten“ bekommen – sondern auch die Männer. Und für meinen Gusto sind die eigentlich schon ausreichend „sexuell befreit!“
Es ärgerte mich, dass viele junge Männer Sex „konsumierten“ und dazu Frauen bevorzugten, die sich danach problemlos „entsorgen“ ließen. Diese männliche „Fuck-and-go-Mentalität“ sagte mir nicht zu. Das, was in den Softporno-Filmen lief, entsprach überwiegend männlichen Sexphantasien – weder meine Freundinnen noch ich liefen den ganzen Tag notgeil wie Nachbars Lumpine barbusig im String herum, auf der Suche nach einem „Stecher“, der es uns mal so „richtig besorgen“ konnte. Wir hatten Erfahrungen gemacht, dass je mehr junge Männer penetrant auf sexuellen Vollzug drängten, sie hinterher umso schneller die Flucht antraten. Die meisten jungen Frauen, die wir kannten, sehnten sich auch in den „wilden 70ern“ nach einem festen Freund, den sie gut kannten, vertrauten und mit dem sie auch außerhalb des Bettes noch etwas verband.

Bei unseren hitzigen Debatten über Emanzipation und sexueller Ausbeutung durch den Mann zeigte sich Uwe sehr unentschlossen: Mal stimmte er mir, mal seinen Freunden zu. Sein Interesse, mit mir darüber zu diskutieren, nahm deutlich ab. Was während seines WG-Lebens deutlich zunahm, war sein Interesse für „Bewußstseinserweiterung“ – in Form von Drogen. Seine Freizeitinteressen wurden überschaubar: Wenn er nicht gerade in Sachen „Antiquitäten“ unterwegs war, malte er. Seine Bilder waren …interessant. Ein Kunstkenner hatte mir mal geraten, wenn ich bei Uwes Bildern nicht wisse, was ich davon halten solle, wäre „ interessant!“ immer eine gute Aussage. Uwes Bilder bestanden aus psychedelischen Paisleymustern und Daliesken, surrealen Darstellungen sich verformender Alltagsgegenstände …

Einerseits wollte ich Uwes künstlerische Ambitionen unterstützen – andererseits war ich mir nicht sicher, ob ich es tatsächlich mit einem „Künstler“ oder eher mit einem Spinner zu tun hatte.
Uwe lag mir ständig damit in den Ohren, ich solle endlich auch mal LSD zur „Bewusstseinserweiterung“ ausprobieren, statt nur darüber zu urteilen. Er pries mir einen „Trip“ als absolutes „Must Have“ an – vor allem für Pärchen: Der Sex soll absolut GIGANTISCH sein …!
Ich hatte Angst vor Drogen. Ich mochte keinen Kontrollverlust, kiffte deswegen auch nicht – es reichte, mir ständig Kiffergespräche anhören zu müssen. Was chemisches Zeug alles mit mir anstellen könnte, davor hatte ich eine Heidenangst. Doch Uwe redete mir gut zu: Wenn man psychisch gut drauf sei, habe man im Griff, wohin die Reise gehe. Man müsse halt nur auf eine harmonische Umgebung achten und dürfe das nur mit Freunden machen, die man gut kenne …
Bei ihm klang das so harmlos wie eine Einladung zum Grillen: Am Spätnachmittag würden wir zusammen mit seinem kleinen Bruder Wolfgang und dessen Freund „einen Trip schmeißen“, dann ein paar Stunden nett zusammensitzen, Musik kören, malen, spielen und essen …

Es fing auch ganz lustig an: Gegen siebzehn Uhr legte jeder von uns etwas, das aussah wie Löschpapier auf seine Zunge - dann bauten wir auf dem Teppich miteinander ein Spiel auf, bei dem man würfeln, malen und lustige Fragen beantworten sollte. Nach einer halben Stunde war immer noch nichts Spektakuläres mit mir geschehen. Allmählich entspannte ich mich. Wahrscheinlich wirkte dieses Zeug bei mir ebenso wenig wie das Kiffen – ich hatte es nur einmal vorsichtig probiert und fand es blöd. Das erzählte ich Michelangelo neben mir, der mich an irgendjemanden erinnerte… Richtig: Der Typ sah ein bisschen aus wie Uwe! Darüber mussten beide lachen - weil sie sich einen Mund teilten. Das fand ich von UweMichelangelo supernett.
Ich fand überhaupt alle immer netter und wurde geradezu euphorisch, dass ich hier mit so SUPER netten Leuten zusammen sein durfte!
Die junge Frau mit den langen, schwarzen Haaren, die mir gegenübersaß, kratzte sich am Bart und grinste. Wer war die überhaupt? Machte die sich etwa über mich lustig?
Wir spielen und spielten und die Regeln wurden für mich immer komplizierter. Ich musste höllisch aufpassen, beim Würfeln nicht in das Brett hineinzutauchen. Vielleicht erging es mir dann wie Alice im Wunderland und ich würde schrumpfen und schrumpfen … Ich kicherte über diese Vorstellung …bald rollte ich mich in einem Lachflash auf dem Teppich.
Wolfgang fand das überhaupt nicht komisch. Seine gelben Wolfsaugen begannen, mich zu fixieren …
Vexierbilder … das waren doch diese Bilder, wo man immer nur das eine oder das andere sieht, aber selten zusammen… So wechselte sein Gesicht: Mal Wolfgang, mal Wolf …DAS passt ja: Der Wolfgang mit den Wolfsaugen …!
Dann waren es plötzlich keine Wolfsaugen mehr. Eher die Augen eines… Ziegenbocks? Wer hatte noch mal Augen wie ein Ziegenbock und Hufe wie ein …? Meine Nackenhaare stellten sich auf, panisch sah ich mich nach Uwe um. Der schien nicht zu wissen, dass Satan persönlich mit uns auf dem Flokati saß …und ein Werwolf. Und ich wusste nicht, was schlimmer war!
„Uwe!“ flüsterte ich: „Uweee!“
Gerade kroch der Wolf auf allen Vieren zur Stereoanlage und legte „Tubular Bells“ auf …
Dann habe ich Szenen aus dem „Exorzisten“ noch einmal gesehen. Diesmal jedoch ohne Leinwand …
Ich muss ziemlich panisch geworden sein.
Um mich abzulenken, schleppten mich Uwe Michelangelo, die Frau mit Bart und den langen, schwarzen Haaren nach draußen. Satan Wolfgang sollte Zuhause in der Hölle bleiben. Gefühlte Ewigkeiten waren wir auf der Flucht. Durch das Treppenhaus, bis endlich eine Türe ins Freie aufging: Wie schön und bunt doch die Welt am Abend sein kann! War mir bisher noch nie so aufgefallen. Wenn nur die tiefen Gräben zwischen den Platten des Gehsteiges nicht gewesen wären. Ich musste von Platte zu Platte hüpfen, fand das irgendwann zu anstrengend und marschierte deshalb auf der Strasse weiter …
Als das erste Auto plötzlich wie ein landendes Raumschiff aus dem Nichts herandonnerte, sprang ich entsetzt in eine der Hecken am Straßenrand.
Endlich erreichten wir den Park, der in ein Meer von Licht gehüllt schien. Ich umarmte die Laternen, die so schön aussahen und fand mein Leben so supertoll, dass ich mich nackt in einer Pfütze wälzen wollte. Mir fiel noch allerlei Unfug ein, ich kletterte kichernd über Zäune und Mäuerchen, war aber zu torkelig für diese Unternehmungen …
Irgendwann hatten die Jungs keine Lust mehr, auf mich aufzupassen. Ich benahm mich zu auffällig, deshalb beschlossen sie, umzukehren - bevor die Polizei auf uns aufmerksam würde. Uwe meinte, es sei besser für mich, wenn ich mich einfach schlafen legte. Er sei ja mit den Jungs gleich nebenan, wenn irgendwas wäre …
Der wollte mich loswerden. Dieser Mistkerl wollte mich einfach loswerden! Dabei hatte er VERSPROCHEN, auf mich aufzupassen! Stattdessen schaukelte er sich kichernd wie ein Idiot auf der Bank vor und zurück, sobald ich etwas sagte …
Alle lachten über mich. Weil ich so blöd gewesen war, ihnen zu vertrauen? Wollten die schwarze Frau mit Bart, die eigentlich ein Mann war und Satan vielleicht eine schwarze Messe mit mir feiern? Befand ich mich hier auf einem Spaziergang ins Grauen?
Mein Herz schlug rasend schnell. Alles um mich herum bewegte sich immer bizarrer, die Bäume hatten plötzlich etwas Bedrohendes, Erdrückendes. Dann war da wieder diese Musik: „Tubular Bells“ …!
Nachdem sie mich Nervenbündel ins Bett gebracht hatten, ging in meiner Schaltzentrale und der chemisch erzwungenen „Happy Hour“ erst so richtig die Post ab: Kleider, die auf dem Bügel am Schrank hingen, flossen am Schrank hinunter wie auf einem Bild von Dali. Der Sekundenzeiger meines Weckers dröhnte Schlag für Schlag, an der weißen Raufasertapete tauchten ekelhafte Fratzen auf, die mir Angst machten. Als ich das Deckbett über die Augen zog, hörte ich mein Herz bis zum Hals schlagen …ich hätte gerne um Hilfe gerufen, aber die anderen im Nebenzimmer waren so weit von mir entfernt wie der Mond.
Ich musste hier bis in alle Ewigkeit liegenbleiben und mich fürchten und ganz alleine verrückt werden …!


Die nächsten Wochen war ich dankbar für alles, was den unmittelbaren Kontakt mit Uwe unmöglich machte: Gott sei Dank musste er seinen Wehrersatzdienst antreten – in Hameln. Dort wurde er in einer Krankenhausküche eingesetzt und wohnte als einziger Mann im Schwesternwohnheim: Damenbesuche unerwünscht!
Mit seitenlangen Briefen versuchte er, sich wortreich bei mir zu entschuldigen. Die Briefkuverts waren von ihm bemalt, der Postbote freute sich über diese kleinen Kunstwerke. Ich war nicht ganz so euphorisch: Uwes Geschreibsel war eine schwärmerische Mischung aus nichtverarbeiteter Literatur und Legasthenie. Aber ich interpretierte, dass er wirklich ein schlechtes Gewissen hatte – und verzieh ihm.
Der größere Abstand tat uns beiden gut – ich musste an meine Prüfung denken und hatte verdammt viel nachzuholen, weil ich manches schleifen lassen hatte.
Mein Chef goutierte meinen plötzlichen Lerneifer mit einer väterlichen Umarmung – auch, weil seine Tochter, die in der Praxis bisher die No.1 war, bald heiraten wollte …
Die plötzlichen Gunstbezeugungen meines bis dato permanent unzufriedenen Chefs kamen für mich zu spät. Sobald ich den Helferinnen-Brief in der Tasche hatte, wollte ich kündigen. Zu tief saß mein Frust: Bei jedem Jahreszeugnis mokierte er sich darüber, warum ich in Fachkunde keine Eins hatte. Als ich ihn darauf hinwies, dass ich zwei „sehr gut“ hatte - in Deutsch und Sozialkunde, wurde er wütend: So-zi-aal-kunde, was für ein neumodischer Quatsch!

Meine Mutter war froh, dass ich Uwe nicht mehr so oft sah und versuchte mit allen Mitteln, mich an sich zu binden. Vermutlich war sie nicht in der Lage, mich in die notwendige Autonomie zu entlassen. Sie verlor damit ihren Fulltimejob als „Mutter“ …
Ich wartete nur noch auf die Nachricht, meine Prüfung bestanden zu haben und auf meinen achtzehnten Geburtstag – spätestens am darauffolgenden Tag würde ich mit Uwe zusammenziehen. Diesbezügliche Pläne wurden von meiner Mutter einfach ignoriert. Auch mein Wunsch, mir von meinem Ersparten eine Aussteuer kaufen zu dürfen, damit ich mit dem Nötigsten ausgestattet war …

Manchmal besuchte ich Uwe in Hameln - das war immer mit der Angst verbunden, man könne mich im Schwesternwohnheim als unerlaubten Gast „erwischen“ – deshalb verbrachte ich die meiste Zeit in seinem Bett. Von Uwe wurde ich in der Mittagspause liebevoll mit Essen aus der Krankenhauskantine versorgt - nach zwei Tagen „Bettlägerigkeit“ und Krankenhausessen fühlte ich mich meistens auch irgendwie „krank“...
Als sein Zivildienst vorbei war, fand auch die Ära „Wohngemeinschaft“ ein natürliches Ende: Beschwerden der Nachbarschaft hatten mehrmals zu Razzien im Haus geführt und von „Sexualkontakt mit Minderjährigen“ bis zu „Verstößen gegen das Betäubungsmittel - Gesetz“ war man fündig geworden …
Ich bat Uwe eindringlich, endlich mit den Drogen aufzuhören – und das Zeug auch nicht mehr an seine Freunde zu verticken.
Zu spät.
Als wir gerade eine kleine Wohnung gefunden hatten, die wir renovierten, musste Uwe in die Justizvollzugsanstalt …
Er war von zivilen Drogenfahndern erwischt und verhaftet worden, als er Drogen verkaufte. Es gab eine Gerichtsverhandlung, bei der er wegen Verstoß gegen das Rauschmittelgesetz zu einer hohen Geldstrafe oder drei Monaten Haft in der JVA verurteilt wurde. Da Uwe so viel Geld nicht hatte, musste er die Strafe absitzen.

So kam es, dass ich die erste Zeit unserer „wilden Ehe“ allein in einer kahlen, unmöblierten Wohnung verbrachte, während mein Freund im Knast saß – was ich vor der Vermieterin und meiner Mutter geheim halten musste.
Es waren die einsamsten Monate, die ich je in meinem Leben verbracht hatte – und die ärmsten. Ich lebte jetzt nur noch von meinem Ersparten – da ich selbst gekündigt hatte, bekam ich beim Arbeitsamt eine Sperrfrist, bevor ich Arbeitslosengeld beziehen konnte. Meine Mutter verweigerte jede Unterstützung. Sie war wütend auf mich, dass ich ihre „heile Welt“ verlassen hatte – auch weil das schwelende Konflikte sichtbar machte: Was sollten die Nachbarn denken?
Auch mein Chef war wütend. Sein büffelnder Zorn rächte sich mit einem schlechten Zeugnis. Und meine Mutter begann, die Straßenseite zu wechseln, wenn sie mir unvermittelt in der Stadt begegnete.
Nach achtzehn Jahren Anpassung an die Erwartungen und Wünsche anderer, war dies meine erste Erfahrung, dass ehemalige Autoritätspersonen mich nun als „persona non grata“ behandelten. Statt ihre beleidigten Reaktionen als die Unfähigkeit von Erwachsenen zu erkennen, die nicht einsehen wollten, dass sie mich mit ihrem Willen nicht ewig besetzen konnten, grämte ich mich.

Langsam schloss sich der Kreis des Geächtet seins und die fadenscheinigen Gründe dafür: Ich lebte in „wilder“ Ehe mit dem „falschen“ Freund, hatte eine „sichere“ Stelle gekündigt und stand vor einer ungewissen Zukunft - alle taten, als hätte ich ihre, seit Generationen unbefleckte Ehre in den Dreck gezogen.
So lernte ich meine erste Lektion in Sachen „soziale Anerkennung“: Alles ist gut – solange du tust, was die anderen wollen. Sobald du dich aus dieser Abhängigkeit zu befreien versuchst, kann durch deine kuschelige Komfortzone plötzlich ein eiskalter Wind wehen!
Ich fühlte mich verstoßen und allein gelassen, sah mich mit Zukunftsängsten konfrontiert, die mich total lähmten und blockierten. Und ich hatte ausreichend Zeit, diese Verlassenheits- und Zukunftsängste zu hegen und zu pflegen …
Wenn ich es allein in der Wohnung nicht mehr aushalten konnte, lief ich manchmal zehn Kilometer zu Fuß zu meiner Freundin Gerda. Sie freute sich über meinen Besuch, weil sie sich seit der Geburt ihrer kleinen Tochter ebenfalls allein und von der Welt abgeschnitten fühlte. Uwe und Gerdas Mann Hannes waren miteinander befreundet und gemeinsam verbrachten wir viele Abende zusammen. Gerdas Gesellschaft rettete mich über viele Tage hinweg, die ich sonst mit Grübeln verbracht hätte - allerdings verhinderten meine regelmäßigen Fluchten in die heimelige Welt meiner Freundin auch, dass ich mich meinen Ängsten stellte und mich mit meinen Lebenszielen auseinandersetzte. Uwe und Hannes, die beide in anstrengenden Jobs arbeiteten, konnten nicht verstehen, warum ich über „Beruf und Berufung“ grübelte. Ihrer Meinung nach sollte ich den erstbesten Job nehmen und basta. Gerda hörte mir aufmerksam zu und gab mir eines Tages den Tipp, einfach noch mal zum Arbeitsamt zu gehen - statt Zuhause zu sitzen und die Wände anzustarren.

Ich ließ mich wegen einer Umschulung beraten – und verließ das Arbeitsamt frustriertet als ich war: Für die Fachschule Sozialpädagogik hatte ich nicht die erforderliche schulische Qualifikation und auch nicht das geforderte Berufspraktikum: "Interesse allein genügt nicht!", meinte die Sachbearbeiterin mit Rasierklingenlächeln - damit war für sie der Fall erledigt.
Ich führte endlose Diskussionen mit Uwe über unsere Zukunft, unsere Träume -doch schien er nicht zu begreifen, dass es mich umtrieb, etwas „Sinnvolles“ zu finden, etwas, dass ich mit Hilfe meiner Talente und Fähigkeiten machen konnte – nicht gegen sie. Er war es von Kindheit an gewohnt, willkürlich Grenzen gesetzt zu bekommen. Er fand, ich solle einfach irgendeinen Job anzunehmen – wie er: Er malloche bei einer Auto-Werkstatt, um uns „ein gutes Leben“ zu ermöglichen …!
Ich war entsetzt, weil ich feststellen musste, dass ich in der gleichen Falle gelandet war, wie meine Schwester: Von einem Partner finanziell abhängig, ohne eigenen Job ... ich schämte mich, in eine solche Lage gekommen zu sein – und raffte mein brachliegendes Selbstwertgefühl und all meine Kraft zusammen: Aus dieser Abhängigkeit MUSSTE ich mich befreien!

Am nächsten Tag klapperte ich alle Kindergärten der Stadt ab: Dem Baptisten-Kindergarten war ich nicht fromm genug, dem Städtischen zu alt…aber „Tante Lotti“, Leiterin des evangelischen Kindergartens konnte Hilfe gebrauchen. Und innerhalb einer Woche hatte ich einen Praktikumsplatz für ein Jahr - als Vorbereitung auf eine Umschulung im sozialen Bereich.
Als ich erneut bei der Sachbearbeiterin im Arbeitsamt vorsprach, verzog sie spöttisch das Gesicht und händigte mir nur widerstrebend einen Antrag auf Ausbildungsbeihilfe aus: "Glauben sie bloß nicht, dass eine Umschulung so einfach ist, junge Frau …!"

Nachdem ich den Antrag ausgefüllt hatte, verfügte ich bald über ein geringes, aber eigenes „Einkommen“. Mein Leben hatte wieder eine Tagesstruktur und ein Ziel. Ungewohnte Aufgaben und Anforderungen erwarteten mich, neue Tätigkeitsbereiche – und eine Schar quirliger, fröhlicher Kindergartenkinder. Und „Tante Lotti“ – eine in die Jahre gekommene, unverheiratete Kindergärtnerin, deren Ansichten zur Kindererziehung ebenso altbacken wie schlicht waren: Früher war ALLES besser und heute von der „ SESAMSTRASSE“ bis zur „Sendung mit der Maus“ ALLES Mist!
Mit meinem Selbstwertgefühl ging es langsam wieder bergauf und wenn ich Zuhause oder an der Praxis vorbeikam, ging ich betont langsam und dachte: Alles richtig gemacht: DAVON habe ich mich befreit!

Dermaßen beflügelt, bestand ich darauf, dass auch Uwe mehr aus seinem Leben machte. Doch alle Gespräche darüber blieben bei ihm rein theoretischer Natur. Er hatte sich, was das Malen betraf, eine Künstlerfassade aufgebaut und hoffte, irgendwann einmal „entdeckt“ zu werden – ohne den ganzen Ballast einer fundierten handwerklichen oder künstlerischen Ausbildung. Ich riet ihm, wenigstens seinen Hauptschulabschluss bei der VHS nachzumachen – und die Malerlehre, die er abgebrochen hatte, abzuschließen. Mit einer Mappe seiner Ölbilder könne er sich ja gleichzeitig an Kunstschulen bewerben…
Ich versprach ihm, ihn bei allen Schwierigkeiten mit der Schule zu unterstützen – und nach einigen Monaten „Bearbeitungszeit“ melde er sich tatsächlich bei der VHS an.

Wenn er von der Arbeit nach Hause kam, hatte ich bereits Essen gekocht, seine Hemden gebügelt, so dass er nur noch die Strasse zum nahegelegenen Gymnasium überqueren musste, in dem die VHS am Abend einige Klassenräume nutzte. Wenn ich ihm manchmal aus dem Fenster hinterher schaute, begann ich, ihn zu beneiden - ich träumte heimlich davon, selber das Abitur nachzumachen …
Uwe hingegen sah die Abendschule als eine Bürde, eine schwere Last, die ich ihm auferlegt hatte. Er empfand Lernen als frustrierend und erlebte seine Grenzen als unannehmbar.
Deshalb konnte er sie auch nicht überwinden.
Je mehr ich mich bemühte, ihm bei seinen Schwierigkeiten - vor allem in Deutsch - zu helfen, umso gereizter und ärgerlicher reagierte er.
Nach der ersten Klausur verteidigte er jeden Ausdruck, den ihm die Deutschlehrerin angestrichen hatte und äffte bei uns Zuhause ihre Art nach:" Ihre Interpretation ist nur im Ansatz zutreffend, Herr Kowalsi. Leider haben sie das Thema verfehlt …!“
Uwe knirschte mit den Zähnen: Dabei hatte er sein Lieblingsbuch vorgestellt:„Goldmund und Narziss“…
„Uwe…“, versuchte ich einzulenken „…es gibt doch „offizielle“ Interpretationen für den Deutschunterricht. Ich habe sie dir gekauft – warum benutzt du die nicht?“
„Weil mich der Scheiß einfach nicht interessiert!“
„Okay. Dann beschwer dich nicht, dass du `ne Fünf gekriegt hast!“

Am nächsten Tag war Uwe nicht mehr dazu zu bewegen, zur Abendschule zu gehen. Eine Woche darauf teilte er mir mit, dass er sich abgemeldet hatte.
Ich schmollte. Ich machte ihm keine Vorwürfe - ich WAR Vorwurf.
Doch Uwe ging einfach zu seinen Freunden und ließ mich im eigenen Saft schmoren.
Nach seiner Rückkehr war ich immer noch sauer, deshalb raunzte er mich schlecht gelaunt an: „Du hast immer gut reden und weißt ja immer alles besser! Geh doch mal selber zur VHS …!“
Ich sah ihn schweigend an.
Und antwortete knapp: „Genau: Ich habe mich schon für das Sommersemester angemeldet. Ich mache jetzt mein Abitur …!“










-ENDE -

4 Kommentare 23.3.17 10:56, kommentieren

Kleine Verhältnisse, Teil IV. und V.

IV. Only you…!?



Nachdem mein Traum von einer Karriere als Kinderkrankenschwester zerplatzt war, weil ich auf die Frage meiner Mutter:“…und was willst du nun werden?“ geantwortet hatte:“ Die Frau eines Oberarztes!“, begann für mich der „Ernst des Lebens“ – meine Lehre (oder besser: Leere) als Zahnarzthelferin.
Meine Mutter und ihre beste Freundin hatten monatelang auf mich eingeredet:“ …Zahnarzthelferin ist eine saubere Arbeit …und dabei trägst du auch einen weißen Kittel …!“ bis sie mir endlich ein unengagiertes: “Passt schon!“ abgerungen hatten.
Muss ich extra erwähnen, dass die Freundin meiner Mutter die Frau des Zahnarztes war, bei dem ich in die Lehre gehen sollte?
Am liebsten würde ich die beiden dafür haftbar machen, dass ich drei Jahre meines jungen Lebens hauptsächlich damit verbracht habe, “der nächste bitte!“ in ein Wartezimmer zu flöten.
Mein Chef und seine Frau sahen ihre Rolle nicht nur in ihrem Ausbildungs – sondern vielmehr in einem Erziehungsauftrag für mich und fügten dem vielfältigen Anforderungsprofil meines Teenagerlebens noch beherzt ihren privaten Ehrenkodex hinzu: In der Praxis hatte ich „anständig“ aufzulaufen, das hieß, harmlos wie ein Federbett auszusehen. Im vorgeschriebenen, knielangen Rock unter weißem OP-Kittel. Schminke, Nagellack oder farbige Strumpfhosen waren tabu – so dass ich drei Jahre lang tagsüber in der Praxis in Outfit und Verhalten einer jungen Novizin glich.
Und das in der buntesten Flower-Power-Zeit, die es je für junge Leute gegeben hatte!
Ich gebe ja zu, dass der letzte Schrei der 70er: Strumpfhosen in orange und grün auch nicht unbedingt das passende Outfit waren, um bei einer Hohlkehlpräparation zu assistieren. Aber den Patienten – vor allem den männlichen – hätte es sicher nicht geschadet, wenn ich im Minirock die Extraktionszange angereicht hätte.
Den überwiegenden Teil des Tages sehnte ich mich also nach Miniröcken, Jeans und Freiräumen.
Das, was ich später „meine wilde Zeit“ nannte, musste nach Feierabend und in besonderen sozialen Nischen, fern von Zuhause und der Praxis stattfinden. Der Abenteuerspielplatz für rebellierende Teenager lag in den Randgebieten unserer kleinen Stadt: Den ersten Wohngemeinschaften langhaariger Studenten und anderer realitätsferner „Gammler“, wie damals jene, die ihr Haupthaar gerne lang hängen ließen, gerne von den Spießbürgern diffamiert wurden.
Bei meinen Ausflügen in dieses vermeintliche „soziale Abseits“ trug ich mein Rebellenoutfit – damit man mich in linksrevolutionären Kreisen nicht gleich als das überangepasste Mädchen erkannte, das ich eigentlich war. Klamotten besorgte ich mir in einem kleinen Gemischtwarenladen für Biker, Rocker, und Army-Liebhaber – der einzige Laden in unserer Stadt, der die angesagtesten Jeans hatte und in den überwiegend junge Leute gingen. Daher herrschte dort immer drangvolle Enge. Brave Mädels wie ich gingen dort nur mit "Zuhalterin" hin - die hatten die Aufgabe, am Vorhang der einzigen Umkleidekabine Wache zu stehen, damit niemand das blitzen sah, was damals noch „Schlüpfer“ hieß und dementsprechend kleinmädchengeblümt daherkam.
In der drangvollen Enge der schummerigen Kabine probierte ich meine ersten Levis-Jeans an, die ich mit karierten Herrenhemden und Boots kombinierte – so etwas trug man auf der Route 66 …in „Easy Rider“, den großen Traum von Freiheit, den wir atemlos im DELI-Kino verfolgten – und nach Kinoschluss jedes Mal ziemlich deprimiert waren, wenn wir uns auf das mickrige, stinkende Mofa unserer Freunde schwangen …

Mein Freund hieß Matthias. Von mir zärtlich „Mattes“ genannt.
Obwohl ich mich in meiner Lehre als Zahnarzthelferin kreuzunglücklich fühlte, beneidete er mich darum. Er musste aufs Gymnasium gehen und Abi machen – also wehrte er sich dagegen, indem er ein Schüler mit nur mäßigem Interesse und Erfolg war. Matthes hatte überhaupt keine Lust, später zu studieren. Doch seine Eltern verlangten von ihm, bis zum Abitur durchzuhalten – dann könne man ja immer noch überlegen … Ich beneidete Mattes um die Auswahl der beruflichen Möglichkeiten, die er mit seinem Abitur haben würde. Mir hatten Berufsberater lediglich zum Handwerk, einer kaufmännische Lehre oder der Fachschule für Hauswirtschaft geraten: Nicht gerade der Burner …!
Hätte man uns damals befragt, wäre unser beider Antwort wohl gewesen:“ Ich bin irgendwie mit der Gesamtsituation unzufrieden …!“

Mattes und ich trösteten uns gegenseitig über die Unbill des Erwachsenwerdens hinweg. Seine Mutter duldete mich zwar, doch mein sozialer Status und Ausbildungsgrad schienen ihr nicht standesgemäß für ihren einzigen Sohn. Sie wünschte für ihn eine Freundin, die der schulischen und später universitären Karriere ihres Sohnes förderlich war. Für sie war ich eher eine unwillkommene Ablenkung. Ihre Ressentiments ließ sie sich nicht direkt anmerken. Sie hatte eine andere Strategie, mich loszuwerden: Sie suchte bei mir permanent nach Schwächen, die sie ihrem Sohn vorführen konnte. Irgendwann würde er dann schon ganz allein darauf kommen …
Bei meinem Antrittsbesuch, kaum dass Mattes mich vorgestellt hatte, sah sie mich in einer Mischung aus Mitleid und Überheblichkeit an: „Womit reinigst du denn, Mädchen? Du solltest un-be-dingt was gegen deine unreine Haut tun!“
Mattes entschuldigte sich für seine Mutter: „Sie macht gerade `ne Weiterbildung als AVON-Beraterin und geht damit allen auf`n Sack…!“
Wochen später schickte sie uns ins Konzert: Goldberg-Variationen. Mattes` Eltern hatten ein gemischtes Theater und Konzert – Abo. Da sie schon tagsüber kaum miteinander redeten, wollten sie abends nicht auch noch in aller Öffentlichkeit zusammen schweigen.
Also ließ sie uns ihr Abo „abarbeiten“ - und wir hassten das gründlich! Erstens war ich für solche Veranstaltungen klamottentechnisch nicht ausgerüstet und musste deshalb beim ersten Konzertbesuch in meinem Konfirmations-Kleid hingehen, das die Omi auf „kleines Schwarzes“ umfunktioniert hatte.
Zweitens fehlte mir noch der bildungsmäßige „Background“, um Stücke von Lessing, Shakespeare oder Brecht in ihrem geschichtlichen, sozialen, schriftstellerischen Rahmen interpretieren zu können.
Mattes verfügte über die entsprechende Bildung und hatte auch die entsprechende Kleidung, sponsored by Mama, interessierte sich aber nicht die Bohne dafür. Er war höchstens dafür zu erwärmen, mich möglichst oft im dunklen Theater zu küssen.
Bei einem dieser unsäglich langweiligen Kammermusikabende tat er das so ausgiebig, dass ihm ein hinter uns sitzender, älterer Herr so lange energisch ans Jackett klopfte, bis Mattes endlich von mir abließ.

Viel lieber gingen wir ins Kino – und möglichst allein, wenn es sich einrichten ließ. Außer „Easy Rider“ oder „Woodstock“ gab es nur wenige interessante, inspirierende Filme für Jugendliche – die Sexwelle der 70er überrollte alles. So mussten auch wir im Dämmerlicht des Kinos solchen Filme „ab 16“ absitzen: „Schulmädchen-Report“, „Jodeln in der Lederhosen“, „Das geile Haus am Pinnasberg“ – als „Aufklärungsfilme“ getarnte Softpornos, einer dümmer als der andere – aber stets gut besucht!
Filmisch anschaulich unterwiesen, hatten wir Anregendes zum Ausprobieren - und Mattes` Mutter beobachtete mit zunehmendem Argwohn, dass ihr Sohn nun sein Zimmer abschloss, wenn ich bei ihm war. Sie ließ sich nichts anmerken – aber fing mich das nächste Mal gleich bei meiner Ankunft ab, um zu verhindern, dass ich mich allzu lange bei ihrem Sohn aufhielt. Stattdessen legte sie mir in der Küche Packungen aufs Gesicht und hielt Verkaufsgespräche über diverse AVON-Produkte. Manchmal kaufte ich ihr zähneknirschend irgend etwas ab – nur, damit ich endlich zu Mattes konnte.
Und wenn es ganz schlimm kam, bestand sie auf gemeinsamem Beisammensein im Wohnzimmer mit ihrem wortkargen Ehemann.

Der Vater von Mattes bastelte in seiner Freizeit mit Inbrunst Buddelschiffe und Seemanns-Knotenbretter, deshalb sah ihre gute Stube aus wie ein Laden für maritimen Bedarf. Seine Sehnsucht, in Ruhe gelassen zu werden, war offensichtlich und bedrückend. Die Dame des Hauses nötigte uns zu ihrem Gatten aufs Familiensofa und reichte Schnittchen zum allgemeinen peinlichen Schweigen …
Die Ehe von Mattes` Eltern war Langeweile im Endzustand. Mattes und sein Vater warfen sich Worthülsen über Segeln und CB-Funk zu, das Ehepaar hatte sich gar nichts mehr zu sagen und mir gab seine Mutter permanent ungebetene Tipps gegen fettiges Haar, Akne und Achselgeruch.
Immer seltener kamen Mattes und ich dazu, uns ein paar Stunden ungestört in seinem Zimmer einzuschließen - das durfte so nicht weitergehen!
Es hatte sich nämlich herausgestellt, dass Mattes und ich im Verzug waren: Mit dem Vollzug.
Meine allerbeste Freundin Ina hatte mit ihrem Freund Ulli bereits an lauschigen Plätzen in freier Natur die heißesten Szenen aus "Schulmädchenreport" nachgestellt – und bei der Gelegenheit hatte sich die doofe Nuss doch tatsächlich entjungfern lassen: Am Aussichtsturm!
Das Geständnis hatte ich ihr geradezu unter der Folter herauspressen müssen – obwohl wir uns geschworen hatten, uns IMMER über ALLES auf dem Laufenden zu halten, was den Stand unserer Beziehungen zu Jungs anging. Zum ersten Mal in unserer zehnjährigen Freundschaft machten wir ohne die andere und auf getrennten Wegen wichtige Erfahrungen – da war es ja wohl nicht zu viel verlangt, wenigstens hinterher ALLES darüber zu erfahren …
Ina wurde plötzlich seltsam wortkarg, das kam mir gleich verdächtig vor:

„Ina, du sagst mir jetzt sofort: WIE WAR ES?“
„Ach …“ murmelte Ina nur und winkte unwillig ab.
„Wir haben es uns versprochen, uns ALLES zu erzählen!!!
„Na gut – wenn du es unbedingt wissen willst: Es war …überhaupt nicht so, wie ich immer gedacht habe …“.
„Wie DENN?“ Ich war verunsichert. Was war bloß mit meiner Freundin los?
„Es war irgendwie … doof!“
„DOOF?“
Ina sah mich plötzlich mit fremden Augen an.
Wie eine erwachsene Frau ein Kind anschaut.










V. Son of a preacher men ...



In den darauffolgenden Wochen musste mein Freund Mattes oft mit mir spazieren gehen. Ich schleppte ihn zur „Schwarzen Hütte“ und zum Aussichtsturm und hoffte auf dieselbe Initiation, die meine Freundin Ina bereits erfahren hatte …
Doch Mattes wollte oder konnte meine Winke mit kompletten Zäunen: LASS! ES! UNS! ENDLICH! MACHEN! nicht verstehen. Stattdessen fingerte er beim Knutschen nervös an meinem BH-Verschluss herum und statt sich darüber zu freuen, dass er nun endlich mal bei Licht besehen durfte, was er bislang höchstens mal unter meinem Pulli angefasst hatte, wirkte er befangen und wollte „erstmal drüber reden“.
Ich wurde langsam sauer, denn ich hatte echt genug davon, mit ihm den hmpfzigsten Teil „Schulmädchen-Report“ im Kino anzuschauen – ich wollte, dass wir „ES“ endlich hinter uns brachten. So schnell wie möglich - schon, um mit meiner besten Freundin Ina wieder auf Augenhöhe zu sein!
Ich hatte keine Ahnung, dass weibliches Drängen zum sexuellen Vollzug eher unklug ist, weil Männer sich dann unter Erfolgsdruck fühlen – vor allem, wenn sie noch keine Männer sind.
Während wir so kreuz und quer Wald und Flur durchstreiften, von Mücken gestochen und Waldameisen gebissen, versuchte Mattes mir seine Vorstellungen von Sexualität schmackhaft zu machen. Es war von „langsam angehen“, „kuscheln“ und „du bist mir das Warten wert“ die Rede – während um uns herum ALLES dermaßen angesext war: Heerscharen von gierigen Bienen ihre Rüssel in geöffnete Blütenkelche tunkten, geile Karnickel auf den Wiesen rammelten, brünstige Hirsche am Waldesrand röhrten und in den Tümpeln paarungsbereite Frösche kopulierten …und, mein Gott, wir waren 16 Jahre alt und die „wilden 70er hatten begonnen!“
Ich vermutete, dass seine Mutter ihm diesen Mist eingeredet und ihrem kleinen Prinzen offensichtlich zur Keuschheit geraten hatte: Bis nach dem Studium …!
„Sag mal, Mattes: Seid ihr jetzt einer Sekte beigetreten oder was? Ich komme mir vor, als ob ich mich dir hier anbiete wie Sauerbier …!“
„Nee, das ist es nicht - aber wir müssten dann ja verhüten, nä?“
„Und?“
„Ich wüsste gar nicht, wo ich so was herkriege …“
„Im Schützenhaus hängt auf jeder Toilette ein Automat. Außerdem ist Ina Apothekenhelferin – die kommt an ALLES ran!“
Ich kramte in meiner Handtasche nach einem kleinen Päckchen mit der Aufschrift: „FROMMS“ und knallte es auf den Holzstoss, auf dem wir gerade hockten.
Beim Anblick des Päckchens sackte Mattes förmlich in sich zusammen. Nachdem er es eine Weile unengagiert in der Hand gehalten hatte, murmelte er verzagt: „Wolln wir nicht lieber `n Eis essen gehen …?
Na gut, dachte ich grimmig, dann schenke ich dir meine Jungfräulichkeit eben nicht zum Abitur!

Als Mattes sein Abitur in der Tasche hatte, waren wir bereits getrennt – was mich nicht daran hinderte, dennoch zu seiner Abi-Fete zu erscheinen und mit allen Jungs zu flirten, die nicht bei drei auf den Bäumen waren. Mattes sollte sehen, was ihm entgangen war! Doch der betrank sich heillos und musste schon gegen 23 Uhr nach Hause gekarrt werden. Schade aber auch – nun machte mir das Flirten gar keinen rechten Spaß mehr …
Wenn da nicht dieser Typ gewesen wäre: Peter, ein ehemaliger Schüler des Gymnasiums und gerade angesagter Disc-Jockey im SCHÜTZENHAUS, der mich schon den ganzen Abend beobachtete. Und ich ihn: Der war ganz schön umtriebig und permanent mit irgendwelchen Mädels zugange. Ich schätzte ihn auf über zwanzig – und fragte mich, was ihn wohl auf diese „Kinderveranstaltung“ trieb?
Da ich schon angeschickert genug war, ihn einfach mal danach zu fragen, schlingerte ich quer durch den Saal auf ihn zu, als er mal kurzfristig allein dastand.
Er fand meine Frage ausgesprochen originell: Gestellt von einem Mädchen, das selber nur einen Meter fünfundfünfzig groß war und selber die Statur eines Kindes hatte. Wir unterhielten uns großartig und irgendwann nahm er mir das Bier aus der Hand und zog mich auf die Tanzfläche.

Als um Mitternacht die Neonröhren in der Aula angingen und die Band damit begann, ihre Sachen einzupacken, damit die Aufräumtrupps mit ihren Müllsäcken ausschwärmen konnten, klebten wir immer noch aneinander. Zwischen zwei Küssen fragte er mich, ob ich Lust auf eine „Session“ mit ein paar anderen hätte – im Steinbruch am Kirschenberg: „Oder muss die Kleine schon nach Hause?“
„Sssehe ich etwa ssso ausss?“ entrüstete ich mich, dezent lallend -
er brauchte ja nicht zu wissen, dass meine Mutter für einige Tage bei meiner Tante in Hamburg war und Omi einfach nichts mehr hörte, nachdem sie ins Bett gegangen und ihr „gutes“ Ohr auf das Kopfkissen gelegt hatte – auf dem anderen war sie stocktaub …

Wir machten uns auf einen Nachtspaziergang der besonderen Art: Bis zum Schützenhaus war der Weg noch von Straßenlaternen beleuchtet – aber dann ging es in die, vom Vollmond beschienene, Wildnis des Kirschenberges. Für mich war diese Nachtwanderung mit diesem interessanten Typen aufregender, als ich mir anmerken ließ!

Der Steinbruch war nämlich ein Insidertipp für unterschiedlichste Gruppen, die sich dort unerlaubterweise trafen, Lagerfeuer machten, Partys feierten - dabei wurde ordentlich Krach gemacht, manchmal auch Musik, gezeltet, getrunken und gekifft. Noch vor Einbruch der Dunkelheit wurde das Equipment in den Wald geschleppt - wer da mitmachte, bekam für ein paar Mark Bier und Bratwurst – und das unbezahlbare Gefühl, sich über Regeln der Erwachsenen hinwegzusetzen und etwas Illegales zu tun.
Man musste nur eine geeignete Erdsenke finden, in der die Rauchsäule vom Lagerfeuer nicht über den Kirschenberg hinaus zu sehen war – sonst hatte man bald den Förster oder noch Schlimmeres am Hals: Die Polizei. Diesen Ärger konnten Jugendliche unter achtzehn oder ältere Kiffer gar nicht gebrauchen …

Als wir etwa fünfzehn Minuten quer durch den Kirschenberg gekraxelt waren, erreichten wir den Steinbruch. Unwirklich und still lag er im Mondenschein unter uns. Peter pfiff einmal kurz, zweimal lang – und von irgendwoher pfiff es aus dem Dunkel zurück. Auf dem schmalen Weg, der die Steinbruchkante bildete, konnten wir nur hintereinander gehen und ich versuchte, nicht in den dunklen Abgrund unter uns zu schauen. Als wir endlich unten ankamen, mussten wir feststellen, dass die Party leider schon fast beendet war - wir trafen nur noch auf einen kleinen Trupp Jungs, die entweder schon im Vollrausch schnarchten oder völlig bekifft am Feuer saßen, dummes Zeug redeten und alberne Lachflashs hatten, die man als Nichtkiffer nicht nachvollziehen konnte.
Mit seinem Schlüssel öffnete Peter uns zwei Bierflaschen, dann griff er sich eine Gitarre und spielte:“…the answer, my friend, is blowing in the wind …“.
Leise sang ich den Text mit – und wenn ich mal nicht weiter wusste, summte ich einfach nur dazu …und irgendwann nickte auch der letzte Kiffer ein …

Als das Feuer ausging, schlichen wir in eines der unbemannten Zelte – der Eigentümer war vermutlich irgendwo draußen eingepennt. Wir küssten uns heiß und innig und dann pellten wir uns langsam, Schicht für Schicht, gegenseitig aus unserer Kleidung. Für mich wäre es schon aufregend genug gewesen, einfach nur nackt neben Peter im Schlafsack zu liegen. Doch er schien sehr erfahren zu sein, er wollte mehr – und ging davon aus, dass ich es auch wollte.
Schneller als ich es mir noch überlegen konnte, lag er über mir. Ich schloss die Augen und dachte nur: „…wer weiß, wer schon alles in diesem Schlafsack gelegen hat, ihhhh …!
Und später: Was, zur Hölle, veranstaltet der da …?
Peter mühte sich redlich – und ich bekam eine ungewollte Klarsicht darüber, was „bohrender Schmerz“ im eigentlichen Sinne bedeutete.
Das, was wir da veranstalteten, kam eher rhythmischer Sportgymnastik gleich: Er wollte zur Sache kommen – ich dem Schmerz ausweichen …
Gott sei dank fand alles ein jähes Ende – und ich war erleichtert: ich hätte das nicht eine Minute länger ausgehalten!
Mit einem Ruck fuhr ich aus dem Schlafsack und stürzte mit nacktem Hintern nach draußen, in die mondbeschienene Nacht.
Als ich zurückkam, zündete Peter sich gerade eine Zigarette an.
„Gibstt du mir auch eine?“ bat ich kleinlaut und zog mein T-Shirt über den Kopf und kauerte mich neben ihn.


*Anmerkung: Falls der Typ, dessen Schlafsack ich mit dem Blut meiner Entjungferung rettungslos versaut habe, dies jetzt liest: SORRY!*

Auf dem Rückweg schwieg ich - zum Herumalbern war mir irgendwie die Lust vergangen.
Ich wollte allein sein.
Und beten: Lieber Gott, mach, dass es nicht so schlimm ist, dass wir kein Kondom benutzt haben ....!
Auf halber Strecke blieb Peter stehen.
„Was ist eigentlich los mit dir? Bist du jetzt eingeschnappt oder was?“
„Nö. Alles okay!“
Meine Hose scheuerte und mein Schritt brannte, während ich ging.
Irgendwann hielt ich es nicht mehr aus.
„ Für mich war das irgendwie … nicht… schön. Tut das eigentlich immer so weh?“
„Oh Mann – warst du etwa noch …?“ Peter blieb stehen.
Ich nickte. Und krächzte mit belegter Stimme:“ …hoffentlich bin ich jetzt nicht schwanger, nä?“
Peter nickte stumm.
Nach einer Weile räusperte er sich, nahm mich in den Arm und sagte: „Mist!“
Und nach einer weiteren Weile: „…und ich dachte, du nimmst sicher die Pille …“

Am nächsten Tag sah ich die Sonne „als Frau“ aufgehen – zumindest hatte ich zum ersten Mal die Sorgen einer Frau. Hektisch sprang ich aus dem Bett und zog mich an. Wenn ich mich beeilte, würde ich Ina noch erwischen, bevor sie zur Arbeit ging – die würde vielleicht Augen machen: Ich hatte jetzt endlich auch mal ein ERWACHSENES Problem!
Ina riet mir, erst einmal die nächsten Wochen bis zu meiner Menstruation abzuwarten. Und falls …sollte ich mir unbedingt einen Gynäkologen suchen, der mir die „Pille danach“ verschrieb.
Die hatte gut reden – ich nahm ja nicht einmal die Pille DAVOR!
Und beim Gynäkologen war ich auch noch nie gewesen.
Die kommenden Wochen über war ich tief religiös: Lieber Gott, mach, dass ich am Dreiundzwanzigsten meine Tage kriege, ich will auch immer brav verhüten, büddebüdde!

Ratsuchend wandte ich mich an Peter. Der wohnte im Schützenhaus, wo er dreimal die Woche als Disc Jockey arbeitete und im Obergeschoss ein Zimmer bewohnte. Sein Vater - ein evangelischer Pfarrer der Gemeinde Süd – hatte ihn nach einem Streit vor die Tür gesetzt – worum es bei diesem Streit ging, hatte Peter mir nicht erzählt.
Der Barkeeper Bernd, ein Typ wie ein Bär, mit dem Peter zusammen wohnte, öffnete mir die Tür und starrte mich verwundert an. Dann weckte er Peter, der auf einem Matratzenlager auf dem Boden schlief. Danach verschwand Bernd diskret, was ich sehr einfühlsam von ihm fand.
Das Zimmer und Peter waren in einem desolaten Zustand. Ich war geschockt: Dieser heruntergekommene „Son of a Preacher men“ könnte der Vater meines Kindes sein! Und: Hier musste DRINGEND mal geputzt werden!
Peter wollte mich direkt auf sein Lotterbett ziehen, um mir umgehend zu beweisen, dass Sex im Bett auch ganz toll …
„Bist du bescheuert: Ohne Verhütung?“ keifte ich. „Ich bin halb verrückt vor Angst, ich könnte vom letzen Mal bereits schwanger sein …!“
„Dann wäre es …“ sagte er und küsste meinen Hals, „… ja erst recht egal, nicht wahr?“



Nach zwei Wochen bekam ich meine Periode: Dem Himmel sei Dank!
Durch „Empfehlung“ meiner Freundin Ina fand ich einen Arzt, der mir ohne Untersuchung oder Einwilligung meiner Mutter die Pille verschrieb. Ein Umstand, dem er jede Menge junge Patientinnen zu verdanken hatte – und seine minderjährigen Patientinnen hatten ihm zu verdanken, dass sie einen Hormon-Cocktail verschrieben bekamen, der womöglich später schwerwiegende Erkrankungen verursachte …
Ich besuchte Peter nun regelmäßig und betrachtete ihn als meinen ersten RICHTIGEN Freund.
Sobald ich in der Praxis Feierabend hatte, zog ich ins Schützenhaus – etliche Putzutensilien in der Tasche. Während Bernd und Peter unterwegs waren und Getränke oder Platten für die Disco im Schützenhaus kauften, schrubbte ich ihr Waschbecken, wusch schmutziges Geschirr ab, feudelte das Zimmer feucht durch, reinigte und desinfizierte ihr Klo, nahm den Kamm aus der Butter, angelte Pizzakartons unter Schränken hervor, zog geöffnete Fischkonservendosen unter Sesseln hervor, bezog Peters Bett, schwang eine mitgebrachte Tischdecke über den Tisch, leerte überquellende Aschenbecher und stellte eine Vase mit frischen Blumen auf den Tisch. Je geringer die hauswirtschaftlichen Fähigkeiten der Jungs waren – umso mehr mutierte ich zur Kümmerin. Und sie genossen es, „eine Frau im Haus“ zu haben. Böse Zungen könnten auch behaupten: Eine dumme Nuss, die ihren Dreck wegputzte. Dass ich beide in ihrer Schlampigkeit nur bestärkte, war mir nicht klar. Ich genoss es, es ihnen – und mir – „schön gemütlich“ machen zu können.
Bernd wusste das meistens auch wertzuschätzen. Peter schenkte meinen hauswirtschaftlichen Betätigungen allerdings nur mäßig Beachtung, rasierte sich ungerührt, während ich putzte, sprühte sich anschließend „BAC for men“ unter die Achseln und zog sich für seinen Job als Diskjockey um.

Im Schützenhaus war nun mittwochs, freitags, samstags und sonntags Disco. Nachdem der alte Besitzer seinen Söhnen den Laden verpachtet hatte, wurde die gesamte Bestuhlung entfernt und mit Möbeln vom Sperrmüll eingerichtet. Es entstand ein Wohnzimmer-Ambiente wie bei Oma: Plüschige Sofas und Sessel aus den 40ern, Nierentische aus den 50ern … und an den Wänden Poster von Jimmy Hendrix, Che Guewara, Joan Baez, Bob Dilan … entsprechend dem Hippie-Stile der 70er: Retro gemischt mit Flower-Power-Psychedelic-Rock-Elementen.
Auf die Tanzfläche ging man allein, und nur, wenn man „Bock“ hatte. Dort wurde Ausdruckstanz und Freestyle zelebriert und die Wallemähne geschüttelt. Die coolsten Tanzstile gaben Großstädter vor, die am Wochenende oder in den Semesterferien zurückkehrten und ihre Aggressionen über Familientreffen und Kleinstadtmief im Schützenhaus abreagierten. Wir bestaunten die Großstadttypen heimlich und mit offenem Mund, wenn sie uns von den Festivals vorschwärmten, auf denen sie gewesen waren, von den Szene-Kellern in Göttingen und Hannover, in denen Hardrock, Jazz, Soul oder Synthesizer-Musik gespielt wurde.
Peter war ein guter Disc Jockey. Aber eben: Kleinstadt. Er legte einen gefälligen Mix aus Santana, Moody Blues, Uriah Heep, Deep Purple und Bee Gees auf, das, was die Leute hören wollten ...
Bei ihm am Mischpult konnte man bestimmte Musikwünsche äußern und bestellen. Damit er die auch auflegte, wurde er von Mädels heftig angeflirtet, die Jungs stellten ihm einen Drink hin.
Ich saß meistens an der Bar, nahe dem Mischpult, beobachtete das Geschehen – und wartete, bis Peter Feierabend hatte. Von Bernd wurde ich mit Gratisdrinks versorgt – als Dankeschön für meine Putzdienste - und wenn nicht so viel zu tun war, unterhielten wir uns. Im Laufe der Zeit wusste ich bald mehr über Bernd als über meinem Freund.

Eines Abends guckte Bernd ganz seltsam aus der Wäsche, wollte aber einfach nicht mit der Sprache rausrücken, was mit ihm los war.
Peter war bei seinen Eltern – irgendeine Familienfeier, auf der man sich versöhnen wollte …
„So, Bernd, nun mal Butter bei die Fische: WAS IST LOS?“
Bernd sah mich an wie ein waidwunder Bär.
„Äh… du weißt, dass ich dich echt gerne mag, nä?“
„Und?“
„Ähem… eigentlich geht mich das ja nichts an …“
„Soll heißen: …?“
„Ja, äh …ich finde das echt nicht fair von Peter… dass er dir nicht gesagt hat, dass…“
„Dass WAS?“
Bernd rieb seit etlichen Minuten ein und dasselbe Glas trocken.
„… dass er ein Kind hat.“
„ ...?“
Bernd legte das Tuch beiseite und schenkte mir schweigend ein.
Ich kippte den ASBACH auf ex. Bernd schenkte nach.
Während im Hintergrund "Sweet Child In Time" lief, rückte Bernd mit der ganzen Wahrheit raus: Vor einigen Jahren hatte Peter - kurz vor seinem Abitur - eine siebzehnjährige Mitschülerin geschwängert. Als das herauskam, hatte es endlose Debatten seiner und ihrer Eltern gegeben. Ihre Eltern plädierten für eine Abtreibung in Holland, seine Eltern aus religiösen Gründen für die Austragung. Als bekannt wurde, dass das Mädchen die Schwangerschaft austragen wollte, musste sie die Schule verlassen.
Peters Eltern verlangten, dass er wie geplant sein Abitur macht – und danach das Mädchen heiratet und eine Lehre macht. Dabei wollten sie die kleine Familie unterstützen. Sein Vater wollte „diese Angelegenheit“ bis zur Trauung nicht publik machen – als Pfarrer hatte er sonst mit Schwierigkeiten aus der Gemeinde zu rechnen …
Doch Peter wollte nicht.
Weder das Abi, noch das Mädchen heiraten – stattdessen behauptete er frech, er habe Zweifel, ob das Kind überhaupt von ihm war.
Seitdem lag er mit seinem Vater im Clinch. Der unterstützte das Mädchen finanziell und hielt Kontakt zu ihren Eltern – die Peter für immer untersagten, dort noch einmal aufzulaufen. Sie sorgten auch dafür, dass er dass er kein Besuchsrechte für das Kind bekam - das natürlich seines war, wie ein Vaterschaftstest bewies.
Es war ein Mädchen. Inzwischen war es vier Jahre alt …
Bernd schenkte mir wieder nach. Und da er gerade dabei war, mir meine Kleinmädchen - Vorstellungen über "meinen" Freund zu zertrümmern, fügte er noch hinzu: "...und der ist heute Abend auch nicht bei seinen Eltern – sondern ist verabredet - mit Sonja …"
Den Rest hörte ich nicht mehr.
Sonja war die kleine Schwester von Isabell, einer Schulfreundin von mir - und gerade mal Sechzehn!
Mir wurde schlecht.
Ich musste an die Luft!
Als ich tränenblind nach draußen wankte, rückten Gäste, die auf der breiten Eingangstreppe saßen, schnell zur Seite, als sie mich sahen – in der Hoffnung, ich würde es noch bis zu den Büschen schaffen.
Als ich die Knallerbsensträucher ausreichend mit ASBACH gedüngt hatte, reichte mir jemand ein Taschentuch. Es war Bernd.
Nachdem ich meinen größten Kummer an Bernds behaarter Brust ausgeweint und eine Packung Tempotaschentücher geleert hatte, sagte er leise:“ Der ist es gar nicht Wert, glaub mir. Such dir lieber einen, der dich verdient …“ und seine Augen sagten: Einen wie mich!
Ich bat ihn um den Zimmerschlüssel.
Erst wollte er ihn nicht herausrücken, ich musste ihm versprechen, nicht lange oben zu bleiben und mich nur etwas frisch zu machen.
Oben angekommen, wusch ich mir das Gesicht, spülte den Mund aus und schaute in den Spiegel. Leider war der genau auf Peters Bett ausgerichtet – „unser“ Bett.
Eine unbändige Wut bäumte sich in mir auf.
Betrogen und verarscht …!
Dieser Jungfrauen-Stecher sollte mal sehen, was für eine durch und durch rachsüchtige Person ich doch sein konnte!

In drei Sekunden war Peters Bettzeug, das ich ihm zum Geburtstag geschenkt hatte, abgezogen und in meine Tasche gepackt. Über der Matratze entleerte ich die Reste von zwei Tüten Paprika-Chips mitsamt den überfüllten Aschenbechern.
Dann griff ich mir Peters Rasierschaum „BAC sensitiv“ und sprühte ihn schön gleichmäßig über die Matratze: Die Sauerei auf dem Bett sollte größer sein, als alles, was er darin angestellt hatte!
Aus einer geöffneten Dose Makrelen füllte ich das Öl in Peters „BAC-Duschgel for men“.
An Peters neuem, teurem Seidenhemd, das über dem Stuhl hing, schnitt ich sämtliche Knöpfe ab. In seine Schuhe kippte ich Kaffeesatz.
Anschließend versenkte ich Peters Schnürsenkel im Klo und zog gründlich ab. Und da ich gerade mal dort war, tunkte ich auch seine Zahnbürste noch in DOMESTOS und dann tief in die Toilettenschüssel und machte den Abfluss damit ordentlich sauber. Danach stellte ich sie wieder in sein Zahnputzglas.
Dann schlossen sich die Türen des Schützenhauses für immer hinter mir.

3 Kommentare 22.3.17 11:27, kommentieren

Kleine Verhältnisse, Teil II und III

II. Yeah, yeah, yeah …



Nicht weit von unserem Wohnhaus lag der Kirschenberg, ein kleines Waldgebiet mit einem Schützenhaus, in dem es eine Kneipe mit Festsaal und Schießanlage für den Schützenverein gab. Sonntags trafen sich dort die Alteingesessenen zum Stammtisch, an den Wochentagen Fußballer und Schützenbrüder.
Als kleines Mädchen durfte ich mir manchmal sonntags dort ein Eis kaufen, ging aber nicht gern alleine dort hin. Für die Verheißung der außergewöhnlichen Schleckerei musste ich erst das Unbehagen überwinden, die schwere Eichentür zu öffnen, durch den dunklen Flur den Schankraum zu betreten, der von Männern jeden Alters bevölkert wurde. Im Nebel beißenden Zigaretten – und Zigarrenqualms umfing mich vielstimmiger Lärm und der Geruch von verschüttetem Bier. Manchmal zwinkerten mir die Männer wohlwollend zu, manchmal wurde ich nur grimmig angestarrt – von Betrunkenen, die mich für eines ihrer Kinder hielten, das geschickt wurde, um sie nach Hause zum Sonntagsbraten zu holen.

Als ich zehn Jahre alt war, fand in diesem Schützenhaus regelmäßig Samstagabends ein „Tanz für die Jugend“ statt. Im alten Festsaal standen und spielten dann mal nicht die Umtata-Blaskapellen auf dem knarrenden Parkettboden, sondern „Beatgruppen“: Drei bis vier junge Männer in weißen Hemden und Bügelfaltenhosen, die sich „THE RATTLES“ oder „THE BEATNICKS“ nannten, in einer Sprache sangen, die sie für Englisch hielten und die so lange Ponys trugen, dass ihre Haare ihnen die freie Sicht versperrten.

Von unserem Spielplatz aus konnten mein Freund Ingo und ich, auf der Schaukel sitzend, beobachten, wie am Wochenende Heerscharen von „Backfischen“ - Jungs in Jeans und Lederjacken und Mädels mit Hochsteckfrisur und Petticoats - an uns vorüber zogen und lachend und sich gegenseitig neckend dem Schützenhaus entgegenstrebten.
Im Sommer schlichen wir gerne unseren älteren Schwestern hinterher, um sie dort beim Tanzen zu beobachten. Da es im Laufe des Abends zu verqualmt und heiß wurde, mussten von Zeit zu Zeit die Fenster im Festsaal weit geöffnet werden, damit die jungen Leute drinnen nicht erstickten. Dann nutzten wir unsere Chance, um einen neugierigen Blick auf das Treiben im Inneren zu erhaschen. Wir durften uns nur nicht dabei erwischen lassen, die „Halbstarken“ hatten was dagegen, von uns „Babys“ bespitzelt zu werden. Wir spielten Indianer und kauerten so lange hinter schützenden Hecken oder Holzstössen bis endlich die Fenster geöffnet wurden und wir einen freien Blick auf unsere Sippenmitglieder hatten, die drinnen Rock & Roll oder Twist tanzten, Cola tranken oder rumknutschten. Wir fieberten geradezu nach kleinen Skandalen, spionierten unseren acht Jahre älteren Schwestern nach, um sie bei unerlaubten Handlungen zu beobachten – um gegen die viel ältere Übermacht einen Trumpf in der Hand zu haben, den wir bei passender Gelegenheit ausspielen konnten.

Ingo fand unsere älteren Schwestern und deren Freundinnen einfach nur blöd. Er nannte sie „dumme Hühner“, weil sie Cornelia Froboess oder „die Mädels vom Immenhof“ imitierten und sich „Mausi“, „Dolly“ oder „Tina“ nannten – wo sie doch in Wahrheit Ingeborg, Dorothea oder Bettina hießen. Ich dagegen fand die jungen Männer mit Schmalztolle, Stielkamm in der Gesäßtasche und Lederjacken blöd – weil in unserem Kinderzimmer, das ich mit meiner älteren Schwester teilen musste, genau so ein Typ an der Tür hing. Meine Schwester Ingeborg, genannt „Mausi“ hatte sich den BRAVO - Starschnitt vom Munde abgespart. In jeder BRAVO war immer nur ein Teil von IHM, der nun lebensgroß unsere Zimmertür zierte: ELVIS, the Pelvis! Nachts machte mir der Kerl Angst. Doch meiner Schwester war das piepegal. Im Gegenzug verriet ich sie – aus Rache für den Kerl an der Tür - als sie ihren ersten festen Freund hatte, mit dem sie sich heimlich traf. Es war ein Schornsteinfeger-Lehrling, er hieß tatsächlich „Tony“ und fuhr ein knatterndes, stinkendes Moped - wenn er nicht gerade darunter lag und daran herumschraubte.
Der Typ hatte einen ganz schrägen Musikgeschmack, fand ich. Als Liebesbeweis hatte er meiner Schwester eine Single von Drafi Deutscher geschenkt: „Marmor, Stein und Eisen bricht“. Da war der bei mir ganz unten durch: Schlager – das war doch was für alte Leute! Doch meine bescheuerte Schwester spielte diese verdammte Platte Tag und Nacht …

Für Ingo und mich war jedenfalls klar: Wir würden uns, wenn wir erstmal so alt wären, auf keinen Fall so dämlich benehmen!








III. Boys, boy, boys …




Als ich fünfzehn und Ingo sechzehn Jahre alt war, schickten uns unsere Eltern zur Tanzstunde Höfer in den RHEINISCHEN HOF.
Zusammen.
Wie peinlich war das denn!
Seit wir in der Pubertät waren und auf unterschiedliche Schulen gingen, waren Ingo und ich uns gegenseitig nicht mehr geheuer. Nur noch selten trafen wir uns auf dem Hof oder dem Spielplatz, wo wir abends herumlungerten, ohne zu wissen, was mir mit uns anfangen sollten. Ich traf mich inzwischen lieber mit einer Schar bester Freundinnen, Ingo mit seinen Kumpels aus der Schule.
Seit wir aus den Kinderschuhen herausgewachsen waren, wollte Ingos Mutter aus uns ein „Pärchen“ machen und drangsalierte ihren Jungen mit schrecklichen Klamotten - spießigen Pullundern und breiten Cordhosen - und mütterlichen Ratschlägen, die sie ihm aus dem offenen Wohnzimmerfenster hinterher brüllte, wenn wir gemeinsam das Haus verließen: „Iiingooo – der Herr geht immer liiihinks …!“.
Sie betrachtete mich bereits als ihre Schwiegertochter in spe und war sich bombensicher: Was schon zusammen im Sandkasten bis Australien gebuddelt hat, das wird auch später mal ein perfektes Paar!
Doch ich hatte andere Pläne - zudem mein Spielfreund Ingo durch zahlreiche Wachstumsschübe vom drallen Knaben zu einem tumben Shrek mit Holzknackerkiefer, muskelbepackten Oberarmen und Riesenpranken mutiert war, der (in Schuhgröße 45!) neben mir herschlurfte wie ein Oger. Mir hingegen mangelte es an Wachstumshormonen, ich war immer noch ein Einsfünfundfünfzig kleines, zartes Elfchen mit zu langen Armen und Beinen, das im kurzen Röckchen und zart ersprießenden Busenknospen neben ihm herschwebte.
Ich wollte Ingos Mutter nicht wehtun - aber Ingo war NICHT der Traum meiner schlaflosen Nächte.
Mit einem Meter Abstand ging ich neben ihm her und trennte mich sofort mit fadenscheinigen Ausflüchten, sobald wir den RHEINISCHEN HOF erreicht hatten.
Ich gebe zu, dass das ein klitzekleines bisschen gemein war, aber ich konnte mir doch meine neuen, weißen Tanzschuhe nicht von diesem Oger breitlatschen lassen! Die mussten doch makellos bleiben – für Bodo.

Der war nämlich mein heimlicher Schwarm, von ihm wollte ich aufgefordert und danach zu einer Cola in der Pause eingeladen werden, nur von ihm! Bodo war für mich der gutaussehendste Gymnasiast im Stimmbruch. Der hatte sich auch noch nie beim Auffordern auf die Fresse gelegt - wie Ingo.
Mehrere Foxtrotts und Rumbas mit Bodo reichten und ich war schwer verliebt. In Bodos Armen schwebte ich mit pochendem Herzen und schweißnassen Händen übers Parkett, hakte mich anschließend dümmlich grinsend in seinen linkisch dargebotenen Arm und folgte ihm enthusiasmiert an den Tresen, wo er mir eine Cola spendierte.
Nach der Tanzstunde brachte er mich immer nach Hause – dazu wurden die Herren in spe vom Tanzlehrer aufgefordert, weil sich das so gehöre. Diese Begleitung wurde oft als Freibrief genutzt für so ziemlich ALLES, was bei Heranwachsenden den Puls beschleunigt …
Bald trauten wir uns sogar, in aller Öffentlichkeit Händchenzuhalten: Guckt nicht so blöd, Leute – wir GEHEN zusammen!

Ich war schon so gespannt, wann Prinz Bodo seinen ersten Kuss auf meine Prinzessinnenlippen legen würde.
Eines schönen Tanzstundentages war ich zu ALLEM bereit: Heute MUSSTE es passieren, ich konnte einfach nicht länger warten! Während Bodo sein Fahrrad schob, führte er mich an der Hand den Bäckerwall hinauf, dem Ententeich zu. Er wollte „es“ also auch. An der Wasser-Fontäne war ein beliebter Treffpunkt für Liebespaare. Mein Herz pochte in froher Erwartung eines Feuerwerks an Empfindungen.
Es war ein schwül-heißer Spätnachmittag. Ein warmer Sprühregen rieselte sanft auf uns herab. Ich machte mir Sorgen um meine Frisur. Bodo lachte und sagte: „Mairegen macht schön!“
Dämlicher Spruch.
Nicht wenn man so feines, frisch geföhntes Haar hatte wie ich – wenn das nass wurde, konnte Bodo mir womöglich auf den blanken Schädel gucken! Ich ärgerte mich im Stillen, dass ich keinen Schirm dabei hatte, lächelte aber tapfer, als würde es mir nichts ausmachen. Er sollte mich nicht für eine Tussi halten.
Er führte mich zu einer Parkbank und platzierte mich sorgsam neben sich und legte mir mit Besitzerstolz den Arm um die Schultern.
Das war `s dann auch schon.
Sanfte Windböen wehten leichte Sprühnebel von der Fontäne zu uns hinüber. Nun wurde ich nicht nur von oben sondern auch noch von vorne nass. Ich war in Sorge um mein Sommerkleid, aber er lachte und sagte: „Wir sind doch nicht aus Zucker!“
Aber aus Synthetik. In etwa zehn Minuten würde mein Sommerkleid durchsichtig sein …!
Bodo MIT Schirm wäre für mich jetzt DER Hit gewesen.
Eine ganze Weile saßen wir andächtig schweigend da. Nichts geschah. Obwohl ich bereits meinen Kopf an seine Schulter gelehnt hatte. Beim Fußball hätte man so was eine Steilvorlage genannt …
Doch Bodo schaute angestrengt ins Irgendwo, während ich mit verrenktem Hals an seiner Schulter lehnte, als sei ich aus Beton dort hingegossen.
Ich vertrieb mir die Zeit mit Sorgen machen: Vielleicht hatte ihm jemand erzählt, dass ich schon mal geknutscht hatte …?



Mit Dieter aus der 9b. Letzten Herbst, auf Klassenfahrt, als wir gemeinsam an die Ostsee gefahren sind. Er war eine Klasse über mir. Ein richtiger Mann also ...
In den ersten Tagen unserer Klassenfahrt fremdelten beide Schülergruppen noch miteinander, obwohl wir uns alle kannten. Wir Mädels aus der 8a waren unsere albernen Jungs bald leid, weil die nur schweinische Witze erzählten und ständig versuchten, uns mit Linealen, auf die sie Handspiegel geklebt hatten, unter die Röcke zu gucken. Die älteren Jungs aus der 9b wirkten dagegen männlicher und reifer …
Mit ihnen tanzten wir beim "Bunten Abend“ Klammerblues - während unsere kindischen Klassenkameraden neidisch dabei zusahen.
Wenn unsere Klassenlehrer nach einigen Stunden genug von uns hatten und sich auf ein Glas Wein zurückzogen, spielten wir gerne "Flaschendrehen" im Aufenthaltsraum - manchmal auch verbotenerweise mit handverlesener Gruppe in einem der Zimmer. Dort mussten dann hochnotpeinliche Fragen nach „Wahrheit“ oder „Pflicht“ beantwortet, dümmliche Pantomimen gemacht, an Salzbroten geleckt, in Zitronen gebissen und dann Lieder gepfiffen werden.
Aber der Clou war das Knutschen. Jedes Mädel aus der 8a hoffte inbrünstig, den gutaussehenden Hünen Gunnar zu erwischen - und bloß nicht dranzukommen, wenn Guido mit den schiefen Zähnen und dem Kloakenatem dran war.
Es gab zwei Kuss-Kategorien: „Einfach“ oder „mit Zunge“. Leider legte das die Gruppe fest. Und zwar bevor ein Pärchen durch drehen der Flasche gefunden wurde.

Damit meine Freundin Conny und ich nicht ganz so jungfräulich der Tortour öffentlichen Knutschens „mit Zunge“ entgegensehen mussten, brachte uns am Nachmittag (die nach eigenen Angaben sehr erfahrene) Heike das Erwachsenenküssen auf unserem Zimmer bei. Nacheinander folgte erst ich, dann Conni, ihr hinter eine geöffnete Schranktüre, hinter der uns Heike dann unvermittelt ihre Zunge in den Hals steckte. Es fühlte sich nass und eklig und überhaupt nicht sexy an. In unseren Teenagerphantasien, die wir einschlägiger Literatur unserer Mütter (Johannes Mario Simmel: Es muss nicht immer Kaviar sein) entnommen hatten, sollte der erste Kuss ein von wonnigen Schauern begleitetes, bombastisches Gefühlskarussell sein, bei dem der Atem stockte, die Zeit stehenblieb und die Welt herum versank.
So wollten Conny und ich „genommen“ werden und nicht anders!
Vielleicht lag es ja auch an Heike, so hofften wir inständig, als wir uns für den bunten Abend Socken in die BH`s stopften, unsere Lippen mit Penatencreme blutleer schminkten, in die nicht wasserfesten Mascarabehälter spuckten, die Bürstchen in die Anthrazit-Pampe tunkten und uns drei Schichten über unsere Wimpern tuschten. Dann nur noch Lidschatten, Lidstrich und zwei Schichten Make-up für fettige, unreine Haut, das Haar auf große Lockenwickler drehen, trocken föhnen, hochtoupieren, Klamotten anziehen, noch mal ausziehen, Klamotten tauschen und wieder anziehen - und schon konnte es losgehen!

Eines Abends zeigte der Flaschenhals auf mich.
Dieter hatte die Flasche gedreht. Der war nicht gerade erste Wahl - aber wenigstens nicht so ein Vollpfosten wie Guido mit dem Todesatem - oder gar der schwule Ottmar.
Es hätte also schlimmer kommen können und unter dem lautem Gejohle intonierten zwei Mädels besonders laut: „MIT Zunge, MIT Zunge!“ – es waren Conny und Heike, diese Miststücke.
Als Dieters Zunge sachkundig meine Mundhöhle erforschte, kniff ich meine Augen fest zusammen - auch, um das schadenfrohe Grinsen der Mädels nicht sehen zu müssen. Dieter muss das wohl als eine Indiz für Leidenschaft interpretiert haben: Seit diesem Kuss klebte er mir jedenfalls an den Hacken …
Es schmeichelte mir außerordentlich, dass ich auch mal begehrt wurde - wenn da bloß nicht sein strenger Geruch gewesen wäre …
Dieter müffelte.
Je öfter und länger wir knutschten, umso penetranter wurden Dieters Ausdünstungen. Ich war diese Mischung aus Testosteron, Aufgeregtheit und Bibergeil nicht gewöhnt und versuchte krampfhaft, beim Küssen meinen Kopf von seinem Achselbereich fernzuhalten. Doch durch häufiges Ansichdrücken hatte er mich dermaßen markiert, dass meine Klamotten ebenfalls stanken wie notgeiles Frettchen auf Moschus-Ochse.
Irgendwann gewöhnte ich mich an seinen Jungmännerschweiß – und fand sogar, er gab meinem Niveacreme-Tosca-Apfelshampoo-Aroma so eine herb-würzige Moschusnote im Abgang. Wir konnten einfach nicht mehr voneinander lassen. Wo immer wir uns trafen, steckten wir uns die Zungen in den Hals und rieben uns aneinander. Bis meine wund gebissenen Lippen aussahen wie aufgeblasene Schlauchboote. Bei einer Hafenrundfahrt setzte uns mein entnervter Lehrer auseinander - nachdem er lange genug angewidert dabei zuschauen musste, wie wir ineinander verkeilt öffentliches Ärgernis erregten.

Als ich von dieser Klassenfahrt nach Hause kam, heftete sich der prüfende Blick meiner Mutter sofort auf meine zerbissenen und geschwollenen Lippen. Erst vermutete sie einen Herpes, dann den wahren Erreger: „Wie heißt er? Und lüg mich bloß nicht an, du!“
Der weitere Umgang mit Dieter wurde mir als nicht standesgemäß ausgeredet: „…was will der werden: Maler? Du willst dich an einen Pinselschwinger verschwenden? So einer kann dir doch nichts bieten!“
Meine Mutter hatte Besseres mit mir vor. Für sie kam nur ein gebildeter junger Mann in Frage, der es im Leben mal weit bringen würde: Einer der IHR gefiel. Schließlich wollte sie ja später bei uns wohnen – da musste sie sich doch den Schwiegersohn ganz genau anschauen, nicht wahr?




Und deshalb war ich nun, zwecks Sichtung örtlicher Gymnasiasten, in der Tanzschule Höfer im RHEINISCHEN HOF - und in Bodos Armen auf der Parkbank am Bäckerwall gelandet …
Und wurde langsam, aber stetig vom Mairegen und von der Fontäne im Ententeich eingeweicht, während Bodo geradeaus stierte, bis ihm die Augen tränten.
Nach zehn Minuten gab ich resigniert und ungeküsst auf, hob den Kopf, sammelte den letzten Rest Speichel im von der schwülen Hitze ausgedörrten Mund und sagte: „ Sch`glaub, sch`muss …“ als Bodo mich überfallartig an sich riss und mir seine Zunge in den überraschten Mund schob. Es war mehr eine Rotkehlchenfütterung als ein Kuss. Seine Zunge fühlte sich an wie rohe Leber – und schmeckte auch so ähnlich. Sein Herumgefuhrwerke vor und hinter meinen Zahnreihen machte mir klar, dass das Küssen wenigstens für einen von uns eine Premiere gewesen war …

Nach dieser herben Enttäuschung verlor Bodo so einiges an Traumprinz-Qualitäten, dennoch wurde er mein erster „richtiger“ Freund. Bis einige Wochen vor dem Abschiedsball ...

Wir waren im Freibad mit Bodos Freunden. An diesem Nachmittag verhielt er sich unausstehlich, alberte mit den Jungs herum, machte Witze auf meine Kosten und beachtete mich kaum. Irgendwann wurde es mir zu dumm und ich ging weg, mir ein Eis holen. Er folgte mir nicht.
Nach gefühlten Ewigkeiten schlich ich mich zu unserem Platz zurück, wo er mit seinen Freunden Fußball spielte, ohne sich nach mir umzusehen.
Ich hatte meine Sachen schon fast fertig gepackt, als er sich neben mich setzte – die Freunde waren verschwunden.

„Ich muss mit dir reden.“
„Ach ja?“
„Wegen dem äh… Abschlussball.“
„Und?“
„Ich…ähem… kann nicht mit dir auf den Abschlussball gehen …“
Ich schluckte.
„…weil ich das schon der Moni aus meiner Klasse versprochen habe. Lange, bevor ich dich kennengelernt habe …“
„Die Engelhard -“ unterbrach ich ihn aufgebracht, „…diese eingebildete Kuh?“
Bodo zerfledderte mürrisch ein Büschel Grashalme.
“Mein Vater und ihr Vater gehen doch zusammen auf die Jagd …“
„Ja, nee, is` klar!“

Da war es also wieder: Das subtile Gift kleinstädtischer Kupplerei. Ich war enttäuscht von Bodo, dass er sich seinem Vater zuliebe für den Abschlussball für ein Mädchen aus seiner Klasse entschied - das er in der Tanzstunde nicht einmal aufgefordert hatte …
Schon meine ältere Schwester hatte unter diesem "Kleinstadt-Einmaleins-des-guten-Tons" zu leiden: Gymnasiasten sollten, nach Elternmeinung, unter sich bleiben - Haupt- und Mittelschüler ebenfalls.
Der Abschlussball war für unsere Eltern ein gesellschaftliches Ereignis. Der soziale Stand und das Portemonnai der Eltern bestimmte, wer zu wem "passte": Ein Mädchen von der Realschule würden Eltern eines Gymnasiasten gerade eben noch akzeptieren – aber die Mädels vom Dorf hatte sich, bitteschön, unter den Bauern der Nachbardörfer und nicht unter Haupt- und Mittelschülern der Stadt umzusehen! Während die Oberstadtmädchen dazu angehalten wurden, sich nicht wahllos mit Jungen "unter ihrem Wert und Stand" anzufreunden, sahen es die Eltern der Haupt- und Realschülerinnen ganz gerne, wenn sich das Töchterchen "nach oben" orientierte - statt sich von einem Handwerkslehrling in die Eisdiele einladen zu lassen ...


Ich war, was den Abschlussball betraf, ohnehin schon bestraft genug: Den ersten Tanz würde ich nicht mit meinem Vater tanzen können. Ich musste mich mit meinem Onkel Friedrich zufrieden geben - unserem „Vater-Ersatz“ für öffentliche Anlässe, der schon meiner Schwester gute Dienste geleistet hatte. Er war der Bruder meiner Oma – ein eleganter, kultivierter Mann, doch er war bereits Rentner und für uns Mädels: Uralt!
Zu allem Elend würde ich auch nicht das schicke Kleid von „Betty Barclay“ bekommen, das ich im Kaufhaus gesehen und mir gewünscht hatte. Sondern eines, das meine Oma nähte. Das bedeutete: Der Schnitt stammte aus der BURDA und ich musste um jeden Millimeter Rocksaum kämpfen! Ich würde mich garantiert wieder mit meiner Oma verkrachen, weil sie diese altbackenen Kragen, Knöpfe und Manschetten verwendete, die sie in den Blechkästen unter ihrer alten SINGER-Nähmaschine verwahrte.
Und nun noch diese Enttäuschung mit Bodo – das war zu viel!

In einer Art trotziger Restwürde machte ich mit Bodo „Schluss“ und raffte hektisch meine Sachen zusammen. Ich verließ unseren Platz, bevor er mich heulen sah und flüchtete mich in die Umkleidekabinen, um meinen ersten schweren Liebeskummer in Kutschbockhaltung zwischen den Knien hindurchzuheulen.
Von Bodo keine Spur.

Mit rotgeweinten Augen verließ ich schließlich das Schwimmbad - meine Mutter würde glauben, ich hätte zu viel Chlor abgekriegt - und trottete mit hängenden Schultern nach Hause.
Bodo ...Kleid ... Onkel Friedrich ... und Abschlussball: ALLE sollten mir doch gestohlen bleiben …!

9 Kommentare 21.3.17 12:05, kommentieren

Kleine Verhältnisse, Teil I

I. Mein Freund Igu


Wenn ich an ihn denke, spüre ich wieder die Sicherheit, wenn meine Kleinmädchenhand in der warmen, festen Jungenpranke lag. Und das kleine Unbehagen, das mein Freund Ingo bei mir auslöste, wenn er mich „andersrum“ anfasste, als ich es gewohnt war.
Mein erster männlicher Beschützer war drei Jahre alt, von burschikoser Stämmigkeit und für mich eine tägliche Offenbarung des Jungeseins: Ingo roch nach Äpfeln, Kaugummi, Brausepulver, Erde … nach Junge eben.

In meiner Familie war das Männliche deutlich unterrepräsentiert, daher hatte ich schon früh ein Faible für alle Jungs und netten Onkels in der Verwandtschaft und gab meinen Teddys, Puppen und Stofftieren ausschließlich männliche Namen. Unbewußt drückte ich damit aus, wie sehr ich meinen Vater schmerzlich vermisste. Er war gestorben, als ich eineinhalb Jahre alt war.
Was meine Familienangehörigen damals glaubten: Kleine Kinder würden verstorbene Familienmitglieder nicht vermissen, stimmte nicht. Ich war zwar noch ein Baby, als mein Vater starb - nahm jedoch instinktiv und mit allen Sinnen wahr, dass etwas Schreckliches geschehen sein musste: Meine Mutter, Schwester und Großmutter versanken von einem zum anderen Tag in tiefe Trauer und unsere heile 50er Jahre -Familie verschwand plötzlich unter einer dunklen, düsteren Wolke, die unser aller Leben seitdem verfinsterte.

Aus finanziellen Gründen mussten wir in eine andere Wohngegend ziehen: Ein Fall ins soziale Abseits, den junge Witwen und Waisen in den 50ern zu erdulden hatten. Als kleines Mädchen war ich vor sozialer Ächtung noch einigermaßen geschützt und habe unsere finanziellen Verhältnisse noch nicht bewusst als „finanzielle Armut“ wahrgenommen. Was ich mitbekam, waren jedoch die ständigen Sorgen und Mühen meiner Mutter und Großmutter um unser physisches Wohl. Meine acht Jahre ältere Schwester und ich spürten instinktiv, dass wir ihnen nicht noch mehr Kummer und Kopfzerbrechen durch unsere Wünsche und Bedürfnisse machen durften. Wie alle Kinder unserer neuen Umgebung, nahmen wir unser soziales und familiäres Umfeld so an, wie es nun mal war. Und lernten früh, unseren Kummer über den Verlust unseres Vaters, unseres Beschützers, dem Familienoberhaupt und Alleinverdiener, vor der Außenwelt zu verbergen.

Kurz nachdem wir unsere Wohnung in der neuen Umgebung bezogen hatten, klingelte eine Nachbarin mit ihren kleinen Sohn an der Hand, den sie, freundlich plappernd, meiner Mutter entgegen schob: „… unser Ingo ist ja fast im gleichen Alter wie Ihre Kleine, da können die beiden doch schön zusammen spielen …!“
Da stand Ingo nun vor mir: Ein verlegener Dreijähriger mit hellblauer Strick-Wollmütze, ausgebeulten Trainingshosen und einem blauen Anorak, an den Ärmeln zu kurz und mit Flecken vom Rotz, den er noch kurz zuvor geheult haben musste, weil er von seiner Mutter gezwungen wurde, mit zu den doofen, fremden Leuten zu gehen: Zu uns.
Und deshalb weigerte er sich nun strikt, irgendjemandem die Hand zu geben, guten Tag zu sagen oder mich auch nur anzuschauen.
Der trotzige, kleine Stoiker schien auf den ersten Blick nicht der passende Gefährte meines quirligen Kleinmädchendaseins zu sein. Beide Mütter betrachteten uns sowohl belustigt als auch skeptisch.
Obwohl dies meine erste Begegnung mit einem männlichen Schweiger war, ahnte ich, dass Sprechen wohl nicht gerade die Königsdisziplin kleiner Jungen ist. Also zog ich den störrischen Jungen einfach hinter mir her, in mein Zimmer. Als er das hinnahm, ohne Anstalten zu machen, die Flucht zu ergreifen, wickelte ich ihn dort um meinen kleinen Finger, indem ich mit Bonbons, Kaugummi und Schokolade um seine Freundschaft warb. Das funktionierte großartig: Von diesem Tag an waren wir unzertrennlich.

In meinem Kinderzimmer übernahm ich umgehend den Job als Ingos Sprecherzieherin. Besserwisserisch korrigierte ich beim Spielen seine Aussprache: Er heiße nicht „Ingu“ sondern: In-go, es gebe sonntags nicht „Rolladen“ sondern: Rou-la-den, der Familienhund heiße nicht „Schärrie“ sondern Che-ri …
Andere Schlampigkeiten duldete ich ebenfalls nicht:“ Putz dir mal die Nase, Ingo! Halt still, Ingo, damit ich dich kämmen kann!...“
Im Gegenzug hatte Ingo den Job übernommen, mein Personal Coach zu sein, wenn es um das Survivaltraining außer Haus ging.
Seiner Meinung nach benahm ich mich außerhalb des Hauses zu mädchenhaft-furchtsam, zu vorsichtig, zu „dusselich“, um richtig mit mir rumtoben und Abenteuer bestehen zu können. Das konnte ich nicht auf mir sitzen lassen. Nach und nach traute ich mich, an Ingos Seite das Gelände außerhalb der Komfortzone unseres Spielplatzes zu erobern und stapfte ihm schon bald durch Feld, Wald und Wiesen hinterher. Gemeinsam streunten wir durch Nesseln und Kletten, Pfützen und matschige Ackerfurchen. Ingo brachte mir bei, den Sauerampfer auf der Pferdekoppel zu suchen, grüne Äpfel und unreife Pflaumen aus Schrebergärten zu klauen und zu mampfen, manchmal auch süße, vollreifen Erdbeeren und Himbeeren, die oft vom Wurm genau so geliebt wurden wie von uns. Feinmotorisch war ich etwas geschickter als Ingo und konnte die Würmer halbwegs herauspulen. Ingo schluckte sie einfach beherzt mit runter.
Worum ich ihn oft beneidete: Er konnte unser Spiel einfach kurz unterbrechen und an einen Baum pinkeln. Ehrfürchtig bestaunte ich das für mich unnachahmliche Schauspiel des Stehendpinkelns. Als Mädchen wurde einem beigebracht, erst umständlich eine Deckung zu suchen, bevor man sich in die Damenhocke begab – was manchmal dazu führte, dass ich in Gräben fiel, mir die Schuhe anpinkelte oder von Nesseln an Stellen gebrannt wurde, die besonders empfindlich waren. Ingo lachte sich jedes Mal scheckig über mein schamhaftes Gebaren.

Sobald auch nur zwei Millimeter Schnee lag, zogen wir mit unseren Schlitten Richtung Waldrand und schleppten sie dann den ganzen Nachmittag bis zum Einbrechen der Dunkelheit unermüdlich den „Todeshügel“ hinauf, bis unsere Socken in den stets zu kleinen, undichten Stiefeln pitschnass und später gefroren war. Zuhause gab es dann Schelte von unseren Müttern, die unsere blau gefrorenen Zehen mit warmen Fußbädern auftauen und unser Geheul dabei ertragen mussten. Doch sobald wir wieder einigermaßen trocken und durchwärmt waren, machten wir uns auf zur Nachbarstür: „Wollnwerschpieln?“

Ingo hatte ein viel größeres Zimmer als ich - sogar eine Schaukel, von seinem handwerklich begabten Vater selbst gebaut und im Türrahmen verankert. Daran und an den Geschenken zu Weihnachten und zum Geburtstag maß ich manchmal die Liebe unserer Eltern – und schloss daraus, dass ich wohl etwas weniger geliebt wurde. Ingo bekam stets die größeren Geschenke. Neidvoll betrachtete ich sein praller gefülltes Osternest, seinen schöneren Adventskalender, seine größere Schultüte, sein Plantschbecken, seine funkelnagelneuen Rollschuhe, die er über den Füßen schnüren konnte - die nicht mit Weckgummis an den Schuhen befestigt wurden wie die alten Dinger, die ich von meiner großen Schwester übernommen hatte.
Als ich meine Mutter einmal voller Zorn auf diese Ungerechtigkeit hinwies, wurde sie sehr traurig. Sofort hatte ich ein schlechtes Gewissen - und wünschte mir heimlich, sie möge doch einen Polizisten oder Schreiner oder Kaufmann heiraten – damit wir endlich wieder einen Beschützer, Handwerker oder Verdiener im Haus hätten - und einen, der mir das Fahrradfahren beibringen könnte …
An Ingos Leben sah ich, wozu ein Vater gut war. Und beneidete ihn von ganzem Herzen um den schweigsamen, arbeitsamen Mann, der Ingos Vater war. Bis zu jenem Tag, an dem er Ingo die erste Tracht Prügel verabreichte, weil Ingo am Lack von Nachbars Auto gekratzt hatte. Da war ich aber heilfroh, keinen Vater zu haben!

Ingos ganzer Stolz war seine Ritterburg – mit der ich aber nur wenig anfangen konnte. Raubrittern und Erobern machte mir einfach keinen Spaß, mittelalterliche Gemetzel waren nicht so mein Ding. Ingo schimpfte mich eine doofe Nuss, strunzeblöd, Ritter Edelhart so zu meucheln, wie es sich gehörte.
Was ich auch zum Erbrechen langweilig fand: Auto-Quartett. Ein typisches Jungen-Ödigkeitsspiel der 60er Jahre: Man verglich den unter den Autos angegebenen Hubraum, PS-Stärke, Baujahr, Benzinverbrauch und was weiß ich welche Daten miteinander. Und wer die besseren Daten hatte, bekam die Karte des anderen. Was für ein Scheißspiel! Ich verlor immer - und züchtete meine spätere Aversion gegen vierrädrige Männerverschönerer - und männliches Strunzen darüber, wer „den Größten“ hat.
Auch Ingos Märklin - Eisenbahn im Keller seiner Eltern konnte mich nur mäßig erfreuen. Ich ging sowieso nicht gerne runter in die Kellerräume, das war mir zu …unheimlich. Wenn ich mal etwas aus dem Keller holen sollte, pfiff und sang ich immer leise. Keine Ahnung, warum, aber es half ein wenig, die Furcht vor der Dunkelheit zu überwinden – und vermeintliche Mäuse zu vertreiben, die dort unten hausten Mit Ingo zusammen war es im Keller immer auszuhalten. Seine Eltern hatten keinen dunklen, kalten, Kohlen - und Kartoffelkeller wie wir, in dem nur
Gartengeräte, Einmachgläser mit Schattenmorellen, Stachelbeeren und Grünkohl gelagert wurden. Ingos Eltern hatten einen „Hobbykeller“. Dort gab es eine große Werkbank mit Handwerkszeug. Ingo brachte mir das Sägen bei – mit mäßigem Erfolg, denn ich hatte Angst vor den Holzsplittern, die sich oft in mein Fleisch bohrten und dann von meiner Schwester mit unsteriler Nadel oder Pinzette schmerzhaft herausgepult wurden - mit dem Resultat, dass sie sich dann erst recht entzündeten.
In Ingos Keller roch es so anders als bei uns: Nach frisch gesägtem Holz, offenen Leimtuben und Farb-Eimern und aus den Regalen nach eingelagerten Äpfeln, Walnüssen, Kartoffen – manchmal auch nach Rumtopf, Beerenwein, Eierlikör …wovon wir gerne unerlaubterweise ein Schlückchen nahmen, wenn wir mit der Eisenbahn spielten. Wobei „spielen“ nicht der richtige Ausdruck war - eigentlich durfte ich nur dabei zuschauen, wie Ingo mit seiner Eisenbahn spielte. Er war der Meinung, ich als Mädchen eigne sich für seine kostbare Eisenbahn „wie der Igel zum Arschputzen“. Nur weil die Loks, die ich steuerte, öfter mal aus der Spur glitten und dann langwierig repariert werden mussten …
Ich malte ohnehin lieber die kleinen Figuren oder Häuser an, die den Bahnhof und die kleine Stadt auf dem Tapeziertisch lebendig machten. Ich mochte den Geruch von Lack und Kleber. Davon wurde uns immer so schön schwummerig - leider bekamen wir später üble Kopfschmerzen davon.

In meinem Zimmer gab es überhaupt kein teures oder technisches Spielzeug – ich musste viel Phantasie und Geschick entwickeln, um aus Alltagsgegenständen etwas zu basteln. Ein Schuhkarton beispielsweise war im Sommer mein Puppenhaus, im Herbst Aufbewahrungsort für Sammelbilder und Glasmurmeln und im Winter wurde der Deckel entfernt und unterschiedlich große Tore hineingeschnitten. Dann stellte man ihn im langen Flur in einiger Entfernung auf und versuchte, Murmeln in eines der Tore zu bugsieren.
Und ich hatte ein Puppenhaus, eine Post, einen Kaufmannsladen und einen Erste-Hilfe-Koffer, um den Ingo mich beneidete. Mit Inbrunst spielten wir stundenlang „Tierazt“ – ich hatte eine große Stofftiersammlung an Klein- und Großvieh, das operiert und verarztet werden konnte. Reibereien gab es regelmäßig wegen der Stellenbesetzung, vor dem Spiel. Ingo wollte IMMER der Arzt sein und ich durfte immer NUR Sprechstundenhilfe sein. Das gefiel mir nicht und ich erpresste von ihm die Zusage, nach angemessener Zeit die Rollen zu tauschen. Was Ingo regelmäßig „vergaß“ - zur Strafe wurde er dann von mir des Zimmers verwiesen.
Wenn wir uns später wieder versöhnt hatten, spielten wir draußen auf der Wiese vor dem Haus Vater, Mutter und Kind. Diese Rollen waren von vorneherein klar, man musste nicht um die Besetzung streiten – und dabei war ich als „Die Mutter“ klar im Vorteil. Mittels einer Wolldecke wurde zunächst gemeinsam ein „Zuhause“ gebaut. Das war eine geschäftige, friedliche und schöne Zeit. Immer wieder klingelten wir unsere Familien aus wichtigen Tätigkeiten, weil wir unser Nest schmücken wollten und dazu aus der Wohnung so ziemlich alles stibitzten, was wir heranschaffen konnten: Löffel, Quelle-Katalog, Obst, Gardinen, Brote, Gabeln, Puppen, Plüschtiere, Kissen, Deckchen, Puppenherd und Spülschüssel …
Wenn das Nest gebaut und eine anschauliche Schar von imaginären Kindern, Hunden, Pferden und Kühen um das Haus verteilt war, hatte ich als „Die Hausfrau und Mutter“ meinen Lauf: Nahrung sammeln, kochen, Kinder wickeln, anziehen, füttern und manchmal vertrimmen, die Bude putzen, Tiere versorgen …
Ingo hatte als „Mann im Haus“ die Arschkarte. Er musste nur früh am Morgen das Haus verlassen und „arbeiten gehen“ – und abends spät heimkommen und essen. So wie es bei uns in der Gegend eben alle Männer taten. Während Ingo in seinem Job lustlos an den Büschen rummurkste und „Brennholz machte“, war ich multi-tasking-mäßig beschäftigt. Und schimpfte wie ein Rohrspatz, wenn Ingo es wagte, zu früh nach Hause zu kommen, bevor das Essen (Gänseblümchen an Zwieback zu frisch gezupftem Löwenzahn) fertig war. Dann schickte ich ihn mit langen Listen einkaufen und war heilfroh, ihn wieder los zu sein. Ingo war ein unengagierter Arbeiter, der ständig einen Grund fand, das behagliche Nest, das ich so schön dekoriert hatte, mit seiner tumben Gegenwart zu stören. NIE zog er seine Schuhe aus, bevor er unser Wolldeckenheim betrat und IMMER setzte er sich auf eines der Kinder, die ich gerade zum schlafen gelegt hatte.

Die gesamte Nachbarschaft amüsierte sich oft über unsere „Beziehungsgespräche“, die damit endeten, dass einer von uns tief beleidigt das Feld verließ. In zorniger Absicht trat man aber vorher noch etwas kaputt, das dem anderen heilig war oder schmiss ihm das liebevoll zubereitete Gänseblümchen-Suffle an den Kopf.
Danach herrschte manchmal tagelang eisiges Schweigen – man spielte vor den Augen des anderen mit anderen Kindern. Und ließ den verschmähten Spielkameraden extra nicht mitmachen und im eigenen Saft schmoren.
Nach einiger Zeit verbündeten wir uns aber wieder – um unser Lieblingsspiel zu spielen, indem wir alle Klingelknöpfe der Nachbarn auf einmal drückten und dann so schnell wir konnten wegliefen, bevor uns einer dabei erwischte: „Klingelmännchen“.

Als Ingo und ich in den Kindergarten kamen, bedeutete das für mich ein herbeigesehntes Abenteuer, für Ingo jedoch eine Veränderung seiner Komfortzone, die ihm nicht gefiel. Er mochte das braune Leder-Brottäschchen nicht, das man uns um den Hals hängte, während ich stolz wie Oskar meines öffnete und zumachte, öffnete und zumachte und mich täglich über den Proviant freute, den meine Mutter darin eingepackt hatte: Ein Apfel, ein kleines Marzipanküchlein, Butterbrot mit Banane, Karamellbonbons …
In dieser Zeit bekam Ingo für den Kindergarten auch seinen ersten Herrenhaarschnitt. Um Kosten für den Frisör zu sparen, hatte seine Mutter es selbstgemacht - und ihn dabei fast kahlgeschoren. Als ich Ingo zum Kindergarten abholen wollte, hörte ich ihn bereits im Flur jammern und schreien. Seine genervte Mutter riss die Tür auf, als ich klingelte, die Schermaschine noch in der Hand und fauchte:“ Ingo, kriegt gleich noch eine gescheuert, wenn der so weitermacht …!“
Vorsichtig lugte ich um die Ecke, wo Ingo wie die Miniatur eines Galerensträflings auf einem Küchenstuhl kauerte, ein Handtuch um die Schultern, und heulte Rotz und Wasser. Der Küchenboden war übersät von Ingos einstiger Lockenpracht. Ganz vorsichtig berührte ich zart den kahl rasierten Kinderschädel meines Freundes. Und flüsterte: „Sieht gar nicht soo schlimm aus! Siehst aus wie`n … äh … wie`n richtiger Mann, Ingo!“
Da hat er glatt vergessen, weiterzuheulen. Ich nahm meinen geschändeten Freund dann einfach bei der Hand und führte ihn an seiner erstaunten Mutter vorbei, mit mir hinaus, ins Freie.
Und wer es später im Kindergarten gewagt hat, über Ingos Glatzkopf zu lachen, hat von mir eins auf die Ömme gekriegt.



Einige Jahre später fanden die Voruntersuchungen für unsere Einschulung im örtlichen Gesundheitsamt statt – wir hatten eine für uns aufregende und furchteinflößende Prozedur der Beschau zu überstehen, wurden gemessen, gewogen und geimpft. Und geprüft, ob wir die nötige Schulreife hatten. Ein Arzt im weißen Kittel legte mir nach kurzem Gespräch ein Bild vor, eine Marktszene, und ich sollte ihm erzählen, was ich sah. Nichts leichter als das - ich war ja ein fantasie- und sprachbegabtes Kind und wollte gar nicht mehr damit aufhören …doch er unterbrach mich viel zu schnell und fragte, welchen Weg wir hierher gegangen seien und ob mir auf diesem Weg etwas besonders aufgefallen wäre. Endlich wollte ein Erwachsener mal ein Gespräch mit mir führen, das fand ich großartig! Leider unterbrach er mich aber wieder, gerade, als ich so schön im Fluss war.
Hinterher war ich überzeugt, dass der Arzt sicher bemerkt hatte, dass ich gleich in die zweite Klasse eingeschult werden musste...
Wochenlang warteten wir gespannt auf das Ergebnis unserer „Reifeprüfung“. Instinktiv bekamen wir mit, dass das Resultat unserer auch für unsere Familien von Wichtigkeit war. Es sollte bestätigt werden, dass wir „normal“ waren und nicht zur Sonderschule mussten - damals noch das absolute soziale Abseits für Kinder und ihre Familien.

Als endlich unsere Ergebnisse mit der Post kamen, war ich es, die Rotz und Wasser heulte: Auf Anraten des Arztes sollte ich noch ein weiteres Jahr im Kindergarten bleiben. Ich sei noch zu klein und zart, noch zu verspielt ...und meinen Freund Ingo, den fast ein Jahr älteren, inzwischen einen Kopf größeren – den wollten sie einschulen.
Ich war empört! Zum ersten Mal in meinem jungen Leben genügte ich den Anforderungen nicht. Das war gemein – schon deshalb, weil ich keine Ahnung hatte, was ich denn „falsch“ gemacht hatte. Ich konnte einfach nicht begreifen, dass Ingo ohne mich eingeschult werden sollte – zumal er gar keine Lust dazu hatte. Und ich, die ich ALLES gegeben hatte, mich ins beste Licht zu rücken, die darauf BRANNTE, endlich, endlich ein Schulkind zu werden, mich WOLLTEN DIE NICHT!?
Ich kämpfte um meine Einschulung mit der Verbissenheit und Theatralik einer abgehalfterten Schauspielerin, der man den großen Auftritt verwehren wollte. Ich heulte und bettelte so lange, bis meine Mutter mürbe war und schließlich einwilligte, mich mit meinem Freund Ingo zusammen einzuschulen: Auf Probe!

An meinem ersten Schultag war ich im siebten Himmel. Wie immer war ich es, die dem Neuen aufgeregt entgegenzappelte, während mein Freund Ingo wortkarg neben mir herschlurfte.
Wir hielten uns an den Händen, die neuen Lederranzen drückten ungewohnt schwer im Rücken. Sonntäglich gekleidet gingen wir unseren Familien voran. Der Weg zur Schule zog sich – noch durften wir unsere bunten Schultüten nur in der Hand halten und noch nicht nachschauen, welche Schätze darin verborgen lagen. Verstohlen versuchte ich durch Schütteln herauszufinden, ob es vielversprechend klang:

„Ingo?“
„Hmm.“
„Bist du nicht neugierig, was in deiner Tüte drin ist?“
„Nö“
„Warum nicht?“
„Weil ich`s weiß.“
„Wieso? Wir dürfen doch erst nachher …?“
„Hab gestern Abend schon gespinst ....“
„Boah …!? Und wenn die dich erwischt hätten?“
„Mir doch egal …!“
„…“


Wieder war es Ingo, der stets den eigenen Prioritäten Vorrang gab und mich lehrte, dass Verbote auch dazu da sind, sich manchmal darüber hinwegzusetzen.

4 Kommentare 20.3.17 14:04, kommentieren

Warten auf Godot

Im internetten Kontakt so mancher Schreibforen und Blogs überwältigt sie ein existenzialistisches Dilemma: An einem nicht näher definierten Ort verbringt sie die Zeit nach dem Einstellen ihrer Texte damit, nichts zu tun und auf jemanden zu warten, den sie nicht näher kennt, der sich Godot nennt, von dem nichts Genaues bekannt ist, nicht einmal, ob es ihn überhaupt gibt.

Falls es IHN geben sollte, erstellt sie vorsichtshalber ein originelles Profil, damit ER sofort weiß, dass ihn ganz Besonderes erwartet: „Hallo, Godot – eine einsame Landstreicherin, etwas wladimirig, zuweilen auch estragonig, schreibt hier für DICH …“
Dazu gibt’s ein weichgezeichnetes Photo, das die Gewissheit des eigenen Verfallsdatums um erhebliche Jahre senkt. Jung ist gefragt. Und das in einem Raum, in dem man sich weder sehen noch anfassen kann …
Festzuhalten ist, dass bis dato nicht klar ist, auf wen zahlreiche Schreibende in Schreibforen oder Blogs warten. Man munkelt, es seien Hunderte und mutmaßt, dass was dran sein müsse – wenn so viele sich versammeln und gemeinsam auf IHN warten.
Am Kurzweiligsten findet sie jene, die ganz sicher wissen, auf wen sie nicht warten und wer deshalb gar nicht erst anzukommen braucht. Was von denen zu halten ist, die glaubwürdig versichern, sie seien Godot tatsächlich schon begegnet, weiß man nicht. Gibt es doch viele, die gedacht hatten, ER sei es gewesen und dann war ER es doch wieder nicht.
Erstmal ist festzuhalten, dass ER bisher noch nicht da war: Weder bei den passiv zu Entdeckenden noch bei den aktiv Werbenden. Nicht bei den Passiv-Aggressiven noch bei den Bipolaren.

Um die unheimliche Stille auf Abstand zu halten, wird viel mit absurden Diskussionen über Belangloses gestritten und sich hernach wieder versöhnt. Hauptsache, ER bestimmt das Thema.
Häufig wird wenig gesagt und viel angedeutet.
Oder mit bedeutungsschwangeren Metaphern eine Spur gestreut, die sich im Nichts verliert.
Und sich gefreut, wenn das minimalistisch Gesagte oftmals zitiert wird.
Oder sich bestürzt die Haare gerauft, wenn Satzbau und Syntax, Metrik, Rhythmus und Reim quick and dirty daherkommen.

Vor allem beschäftigt man sich mehr schlecht als recht damit, kleine Spielchen zu erfinden, um sich die zähe Zeit zu vertreiben. Manchmal werden diverse Möglichkeiten, unglücklich zu sein oder am Leben zu verzweifeln erörtert.
In der community der Wartenden in Schreibforen und Blogs gelten bestimmte Regeln, von Admins und Moderatoren aufgestellt, die eine Führungsposition unter den Wartenden am nicht näher definierten Ort haben.
Für das Warten auf Godot kann auch bezahlt werden. Damit erwirbt man bessere Möglichkeiten zum Kontakt, uneingeschränkte Schreib- und Redefreiheit. Mit IHM. Falls ER kommt. Bis dahin gibt’s jede Menge sinnfreie Unterhaltung mit anderen Wartenden – vor allem jenen, auf die man nicht gewartet hat.
Manchmal entsteht so etwas wie Kommunikation.
Blöd nur, dass man deswegen nicht hier ist.
In trotziger Restwürde beharrt man lieber auf der ewig enttäuschten Illusion des Wartens auf Godot.
Ob ER kommen wird, dafür gibt es - trotz Mitgliedsbeitrag - keine Garantie.

Manchmal gesellt sich ein Diener, der sich Lucky nennt, zu den Wartenden. Dieser bringt keine Klärung, sondern sorgt eher für zusätzliche Verwirrung: Wie kann einer „lucky“ sein, wenn er auf Godot wartet? Und es gibt da noch diesen reichen Tyrann Pozzo, der den armen Lucky mit knallender Peitsche auffordert, „laut zu denken“ – und das tun viele. Was dabei herauskommen kann, sind wirre, hastig abgespulte Monologe von bizarrer Hilflosigkeit. In Wortmüll zerfleddernde Logorrhoen.
Was mach` ich jetzt?
Noch`n Text?
Nö.
Ins Forum?
Seufz.



„…Komm, wir gehen!
Wir können nicht.
Warum nicht?
Wir warten auf Godot …

2 Kommentare 19.3.17 12:25, kommentieren

Das Geheimnis der Begierde oder: Die Matrix der Lust.

Männer suchen beim Fremdgehen eine gute Gelegenheit - Frauen eine gute Geschichte.
Wenn alle Männer Schweine sind - dann wären also alle Frauen Perlen vor die Säue …?
Die Sendung „Das Geheimnis der Begierde oder die Matrix der Lust“ auf ARTE hat nicht nur darüber aufgeklärt, dass Weibchen im gleichen Maße fremd gehen wie ihre männlichen Artgenossen. Sie behauptete auch, dass Frauen innerhalb einer Partnerschaft früher daran denken – sogar sehr viel früher als ihre männlichen Partner.

Endlich mal eine wissenschaftliche Untersuchung, die sich mit meinen privaten Feldforschungen auf dem Gebiet weiblicher Sexualität deckt: Während Männer sich noch in der Partnerschaft wohlfühlen und alles prima finden, machen Frauen längst im Geiste den Einkaufszettel fürs Genshopping ...
Wenn man neuesten wissenschaftlichen Studien, die in der Sendung zitiert werden, glauben mag, gehen Frauen genauso gerne fremd wie Männer - nur behaupten sie immer noch gerne das Gegenteil. Schon rein rechnerisch wäre das nicht valide, denn zu jedem Hetero-Mann, der sich fremdgehend ins Gebüsch schlägt, gehört auch eine Frau - zumindest eine.
An das Märchen, Frauen würden durch Pornos nicht erregt und zögen wegen Aufzucht der Brut die Monogamie vor, wollten Männer lange Zeit glauben …
Doch statt auf Langeweile im Endzustand, die Ehe, sind Frauen ebenfalls auf serielle Monogamie und mehrere Lebensabschnittsgefährten ausgelegt, klärt die Sendung auf. Spannend sei nach wie vor, warum Frauen das (immer noch) lieber verheimlichen und Männer das (immer noch) nicht wahrhaben wollen.

Auch in der Primatenforschung tue man(n) sich schwer damit, wenn weibliche Lust offensiv eingefordert und Mr. Pavian von Mrs. Pavian zum Spontansex genötigt wird. Überhaupt scheine nichts im Tierreich so zu sein, wie es uns Dr. Grzimek früher Glauben machen wollte. Heute wisse man: Pinguininnen seien lesbisch, Schimpansinnen gingen fremd und Frau Kuckuck vögele lustig ohne Hochzeit, fiderallalla ... und lege hinterher ihre Brut einfach ins fremde Nest, die kleine Schlampe …!
Eine weitere unangenehme Erkenntnis lauert in neuen Studien über die Sexualität der Frau: Frauen haben Phantasien – vor allem: Schmutzige!
Und da wird` s richtig unangenehm für die Männer: Während die den doppelten Rittberger vom Schlafzimmerschrank in Szene zu setzen bemüht sind, ruft Madame in ihrer Phantasie die Herren Cloony, Schwarzenegger, Carpendale & Co zum Liebesdienst herbei.
Will heißen: Während Mann glaubt, seine Bettgenossin gerade dermaßen ins Nirvana zu schnackseln, dass die in extatischen Wonnen die Augen verdreht, geht in Wahrheit in ihrem Frontallappen das Kopfkino ab – leider mit anderen Hauptdarstellern …
Mann solle sich hinterher nicht nur fragen, ob die Frucht im Bauch seiner Angebeteten seinem Samen entspringe – er solle sich auch Sorgen darüber machen, an wen sie währenddessen gedacht habe, während er sich auf/unter/neben ihr abgerackert hat!

Kleiner Tipp von mir an alle Männer: Seid misstrauisch!
Vor allem, was die vielfältigen Umstylingversuche eurer Frauen an euren Astralkörpern betrifft. Erst wird ganz unauffällig hier ein Pickelchen ausgedrückt, da eine Augenbraue gezupft …
Eines Tages wird eure Liebste übergriffig werden und damit beginnen, euch Heißwachs auf Brust- Beinbehaarung aufzulegen. Dabei handelt es sich nicht, wie ihr anfänglich glauben mögt, um geile SM-Spielchen - sondern um ein Ganzkörperwaxing, das mit der Enthaarung eurer Kronjuwelen endet.
Glaubt bloß nicht, das sei ihr fürsorglicher Pflegeinstinkt. Damit lässt sie euch vier Liter Abführmittel schlucken und schickt euch anschließend zur Darmspiegelung.
Nein, die ganze Enthaarungsarbeit machen sie sich einzig und allein, um euch Waschbären ihren Sexphantasien von halbnackten Fußballspielern anzugleichen. Ihr könntet euch nachher auch ein: „Inspired by David Backham“ auf den nackten Hintern tätowieren lassen.

Es tut mir leid, Jungs: Auch für die Fortpflanzung seid ihr weitestgehend verzichtbar. Sagt die Sendung: Die Genshopping Queen von heute bekommt "das Löffelchenvoll" heutzutage bei der Samenbank, sie muss es einem A-Promi nicht mehr in der Besenkammer rauben oder dafür mit C-Promis im Teppichgroßhandel ihres Vertrauens rumludern.
Seltsam gestrig kommen mir daher gewisse sexuelle Präferenzen mancher Damen vor, die für den Sex noch männliches Personal (statt Schnatterzapfen) brauchen: Zum Popoklatschen.
Der Erfolg von „Fifty Shades“ scheint vor allem eines zu bestätigen: Ewiggestrige bevorzugen immer noch ohne Not primitivste Unterwerfungsrituale.
Weibchen dieser Art wollen Männchen, die morgens zur Arbeit gehen und aussehen, wie der freundliche Herr von der Hamburg-Mannheimer – und abends als der geheimnisvolle Sebastian Grey zurückkehren, sie mit Kabelbinder an die Waschmaschine tackern und ihnen anständig den nackten Hintern versohlt: Tschkkkkkkkkk …!?

















Anmerkung:
Die Sendung: „Das Geheimnis der Begierde oder: Die Matrix der Lust“ wurde auf ARTE am 10.06.2016 ausgestrahlt

6 Kommentare 18.3.17 12:13, kommentieren