Letztes Feedback

Meta





 

Ist ja irre!

Mein Honeymoon mit einem Berufsbild, das sich als „therapeutisch“ definiert, ist vorüber:
Viele therapeutische Richtungen, aus denen sich psychotherapeutische Behandlungsverfahren entwickelt haben, sind bis heute wissenschaftlich nachprüfbare Beweise schuldig geblieben, ob und wie ihre therapeutischen Interventionen und Settings Patienten helfen. Wissenschaftlich erforscht ist nur, wie ausschlaggebend es sein kann, ob ein Patient glaubt, ein Therapeut und das, was er verordnet: ein Medikament, eine therapeutische Maßnahme könne ihm helfen: Bis zu fünfzig Prozent (auch mehr, siehe: Placebo) kann dies zur Wirksamkeit beigetragen. Ich frage mich, ob dann auch der Umkehrschluss gültig ist: Therapeuten können alles Machbare tun – und dennoch nichts bewirken, wenn ihr Patient überzeugt ist, ihm sei nicht zu helfen.

Psychiatrie: Das bedeutet auch: Machtkämpfe und neurotische Spielchen - auf Seiten der Patienten und des medizinischen Personals. Ein Kampf um Aufmerksamkeitsenergie als Tagesgeschäft: Therapeuten und Patienten arbeiten sich aneinander ab, statt miteinander einen Konsens auszuarbeiten, mit dem jeder gut leben kann. Damit sich nach Feierabend nicht mal die eine, mal die andere Seite reif für die Klapse fühlt.
In vielen psychiatrischen Einrichtungen konnten sich alte, überholte Machtstrukturen erhalten, weil das Personal überaltert ist, es geht um Übergriffigkeit, Gewalt und emotionale Manipulation gegenüber Schutzbefohlenen, die selten öffentlich thematisiert wird.
Stattdessen schiebt man sich innerhalb der Strukturen lieber gegenseitig den schwarzen Peter zu:
„Ihre Scheißmedikamente/Therapien helfen mir nicht, Herr Doktor!“
„Die könnten Ihnen helfen – würden Sie nur ein klitzekleines bisschen mehr Complience zeigen!“

Ein wertschätzender und respektvoller Umgang auf Augenhöhe, in dem jeder den anderen als Erfahrungsgewinn und Experten in eigener Sache betrachtet, kann so nicht stattfinden, wenn man sich gegenseitig für ausbleibende Erfolge an den Pranger stellt. Statt einfacher Lösungen und „Wunderheilungen“ muss man Geduld haben und sich manchmal auf langwierige, jahrelange, mühevolle Prozesse der Introspektion, Reflexion und Kommunikation einstellen. Und die Bereitschaft mitbringen, auch gesellschaftliche Prozesse zu beleuchten und zu hinterfragen: Als „normal“ gilt, was von der Allgemeinheit nicht in Frage gestellt wird. Kritisches Infragestellen kann im bestimmten sozialen Umfeld als auffälliges, abweichendes, „abnormes“ Verhalten gelten – im anderen Fall als kritikfähiges, eigenständiges, erwünschtes Verhalten unterstützt und erwünscht sein: Wir sind auch die, die man aus uns gemacht hat.
Dabei geben jene selbsternannten „Normalos“ die Richtung vor: Wie „man“ zu sein hat, wie Leben „gesund“ zu leben ist und wie Sinneseindrücke wahrzunehmen und zu interpretieren sind. An diesen Standards orientieren sich Ärzte und Therapeuten – mit normierten Verhaltenserwartungen und Trainings, die überwiegend kompetenzzentriert sind.

Bestimmte Symptome psychiatrischer Erkrankungen und bestimmte Diagnosen können für Patienten heute noch Ausgrenzung und soziale Isolation bedeuten. Manche Diagnosen erwecken den Eindruck, als generierten sie erst Patienten – um für „Nachwuchs“ zu sorgen: An sogenannten „sozial Auffälligen“, und „Behandlungsbedürftigen“. Tragisch sind die Zuwachsraten an psychiatrischen Störungen im Kindes- und Jugendlichenalter.
Eine spannende Frage: Sind Patienten bereits vor ihrer Diagnose „unsozial“ oder „verhaltensauffällig“- oder sind bestimmte psychiatrische Diagnosen Unterstützer, oder gar Verursacher von sozialer Deprivation und Verhaltensauffälligkeit?

Manche Patienten reagieren mit Rückzug, Schuldgefühlen, Scham und Wut auf solche sozialen Ausgrenzungen. Einige versuchen, ihre verstörenden, Angst machenden, verwirrenden Gefühle und Erfahrungen auf andere zu übertragen - in der Regel auf Familienangehörige. Falls die sich nicht schon zurückgezogen haben. Dass im häuslichen Umfeld jemand „ver-rückt“ ist, löst oft auch bei Angehörigen ein Gefühlswirrwarr von Trauer, Wut, Ohnmacht und Verzweiflung aus. Aus Selbstschutz wird verdrängt und verleugnet, was im familiären Umfeld als „unerhört“ und daher Unaussprechbar gilt.
Patienten fühlen sich dann „von allen guten Geistern“ verlassen - wie ein Wanderpokal, der von einer Station zur anderen weitergereicht wird.
Das nennt man: Drehtürpsychiatrie.

„Therapeut“ zu sein bedeutet nicht: Deponie zu sein für seelischen Sondermüll, Fußabstreifer für den Mist, den andere aus ihren seelischen Räumen unter seinen Teppich kehren wollen. Therapeuten sollten sachkundige Begleiter auf dem Weg sein, der durch die unwegsamen Gefilde eigenen seelischen Erlebens führt – Patienten brauchen Vertrauen und müssen den Mut entwickeln, ihre Drachen zu töten – oder zu lernen, sie zu füttern. Therapeuten sollten die Fragen stellen, die zu jenen Antworten führen, mit denen ihre Patienten leben und sich aussöhnen können. Therapeuten sollten wie verlässliche und richtungweisende Leuchttürme sein, an denen sich Patienten orientieren können, wenn sie ihre in Seenot geratenen Lebensschiffe an den Klippen und Untiefen des Lebens sicher vorbeisteuern wollen.

Manche Patienten fühlen sich großartig, wenn es ihnen gelingt, ihre Therapeuten zu verarschen. Manche Therapeuten kriegen das mit und fühlen sich ihrerseits großartig, dass sie mitkriegen, dass sie verarscht werden. Leider führt weder das eine noch das andere Ziel.
Patienten und Therapeuten sind hochqualifizierte Spezialisten für seelische Krankheiten und seelisches Leid. Sie müssen, jeder für sich, offen und selbstkritisch hinterfragen, ob und wie weit ein (unbewußtes) Interesse an einer Chronifizierung der Erkrankung bestehen könnte, ein sogenannter „Krankheitsgewinn“ auf Seiten des Patienten - oder ein sogenanntes „Helfersyndrom“ auf Seiten der Helfer.

Ich sage nicht, dass psychiatrische Kliniken und die dort angebotenen Therapien zu meiden sind. Nur: Sie könnten - und sollten besser sein. Menschen mit psychiatrischen Erkrankungen müssen nicht nur medikamentös eingestellt werden – um sie dann schnellstmöglich wieder nach hause zu entlassen, wo sie sich selbst zu überlassen bleiben. Nicht nur die Symptome sollten „behandelt“ werden, sondern der ganze Mensch, an Körper, Geist und Seele. Die menschliche und soziale Würde psychiatrischer Patienten sollte gewahrt und geschützt sein, indem man sie als Mitmensch mit psychischem Handycaps respektiert und achtet.
Wer glaubt, dass Psychopharmaka der einzig wahre Weg sind - ohne gleichzeitige psychosoziale Behandlungsverfahren, der glaubt an den Wissenschaften-Gott der Medizin, einen Gott der Synapsen und Neuronen, Transmitter und Hormone, der die gefährliche Macht hat, durch künstlich hergestellte Wirkstoffe in die Persönlichkeit von Patienten verändernd einzugreifen.
Wer hingegen glaubt, mit obskuren, esoterischen Urschrei-Therapien, der Kraft des Gebetes oder mit Bestellungen beim Universum eine Schizophrenie „heilen“ zu können, verhält sich grob fahrlässig.

Ärzte, Psychiater und Therapeuten sind keinesfalls Götter in Weiß. Auch wenn sie sich manchmal so benehmen. Was eine Verhaltens- Denk- und Stimmungs - Veränderung bewirken kann, ob Medikamente, Ausdruckstanz, Musik-Reit-Theater-Ergo-Physiotherapie - sollten Patienten selbstbestimmt wählen können.
Ärzte und Therapeuten und medizinisches Fachpersonal in der Psychiatrie sollten nicht nur umfassender fachlich ausgebildet werden, um altbewährte und neu entwickelte Therapien, therapeutische Ansätze und therapeutische Interventionen sinnvoll, individuell und angemessen ausführen zu können. Sie sollten auch angeleitet werden, ihre Fähigkeit zur Empathie, zur Wahrnehmung und zur Reflektion zu erweitern. Statt Patienten als Fallstudien oder Versuchskaninchen zu missbrauchen, die ihnen (freiwillig oder ungefragt) zur Verfügung stehen, um Medikamente, therapeutische Interventionen und eigene Machtdünkel an ihnen auszutesten.

Mein Honeymoon mit meinem Berufsbild, das sich als „therapeutisch“ definiert, ist vorüber.
Doch nur lange und glücklich Verheiratete wissen, dass es manchmal nach dem Honeymoon erst so richtig losgehen kann …!

26.4.17 12:36, kommentieren

Der Tag, an dem Mutter verschwand, Teil V

Der Tag, an dem Mutter verschwand, Teil V



Abgestürzt





Wann immer mein Mann und ich meine Mutter besuchten, wussten wir nie, was uns erwartete. Ihre Erkrankung und ihr Befinden standen bei uns immer im Focus. War meine Mutter manisch, wechselten wir uns mit den Gesprächen ab - und brauchten hinterher stundenlange, einsame Spaziergänge mit unserem Hund, um wieder runterzukommen.
War sie depressiv, versuchte mein Mann sie auf andere Gedanken zu bringen und abzulenken, während ich Einkäufe erledigte, putzte oder ihre Wohnung auf Vordermann brachte.
Währen ihrer depressiven Phasen lag Mutter tagelang nur im Bett, ging manchmal wochenlang nicht mehr vor die Tür. Während ich das größte Chaos beseitigte, inspizierte ich auch die Vorratskammer und Kellerräume, die jedoch unauffällig waren.
Diese Besuche bei meiner Mutter hatten immer häufiger den Charme eines betreuten Wohnens – oft waren wir erschöpft und froh, einige Tage später wieder nach Hause fahren zu können. Und schämten uns dafür.

Bei einem unserer Besuche, die sie sonst immer wochenlang, währen ihrer manischen Phasen, von langer Hand geplant und vorbereitet hatte (oft hatte sie dermaßen viel vorgekocht, dass wir wie die Mastgänse gestopft wurden) fiel uns etwas auf: Mutter hatte nichts eingekauft. Gar nichts. Nicht einmal Butter oder Brot war im Haus. Auf die Frage, was wir denn am nächsten Tag essen wollten, zuckte sie nur gleichgültig die Achseln: „Dann müsst ihr eben morgen einkaufen!“
Na, toll: Das hatten wir uns gewünscht – nachdem wir nach der Uni fünf Stunden auf der Autobahn zu ihr gebrettert waren, auf Mutters Gästebetten, die eher als Gartenliegen gedacht waren, unruhig und schlecht geschlafen hatten – auch weil Mutter die Nacht über umtriebig in der Wohnung herumgegeistert war …!
Gleich nach dem Frühstück (das sie am frühen Morgen schnell besorgt hatte) stellte Mutter eine endlose Einkaufsliste für eine ganze Woche zusammen – plötzlich wollte sie umfangreiche Menüs für uns alle kochen. Sie ließ sich nicht dazu bewegen, stattdessen mit uns ein Döner oder Pizza zu essen, was wirklich weniger Arbeit gewesen wäre. Da wir für ihre Einkaufsliste Stunden brauchen würden, fragte ich sie, ob wir unsere Hündin Lady bei ihr lassen könnten.
„Mir egal.“
Das klang nicht gerade begeistert, deshalb fragte ich noch einmal nach – meinen Hund wollte ich nicht vor Supermärkten in einer für sie unbekannten Umgebung anleinen.
„Ich komm` schon klar, nun geht endlich!!“
Diese Antwort kam mir bekannt vor: Und ich traute ihr nicht mehr ....
Mit ungutem Gefühl gingen wir los und beeilten uns, ihre Einkäufe zu erledigen. Und als wir danach zurückkehrten und klingelten …öffnete uns niemand die Tür.
Nun waren wir es, die dumm dastanden, denn wir hatten keinen Schlüssel zur Wohnung. Erst redeten wir uns ein, Mutter sei wohl gerade mit dem Hund …doch irgendwie waren wir gleich misstrauisch. Wir klingelten bei den Nachbarn und fragten, ob jemand vielleicht einen Schlüssel …nachdem wir drinnen, in Mutters Wohnung, unseren Hund kläglich fiepen gehört hatten - sie schien eingesperrt zu sein und an einer Zimmertür zu kratzen.
Der Nachbar hatte einen Dietrich (und uns war momentan völlig egal, warum und wozu) – und Gottseidank steckte von innen kein Schlüssel …
Nachdem wir die Tür geöffnet hatten, stürmten wir in die Wohnung, befreiten erstmal den Hund aus dem Gästezimmer, der so aufgeregt kläffte und winselte, als sei er stundenlang nur eingesperrt gewesen. Wie zum Beweis pinkelte er erleichtert in den Flur …

Meine Mutter fanden wir im Wohnzimmer, auf dem Sofa liegend, wie zu einem Mittagsschläfchen hingebettet. Doch etwas stimmte nicht mit ihr: Wir rüttelten und schüttelten sie: Keine Reaktion. Wir sahen uns ratlos an, riefen sie beim Namen, versuchten, sie aufzusetzen …doch sie brabbelte nur Unverständliches und sackte wieder in sich zusammen. Mutter war so hackedicht, dass wir sie nicht einmal zu zweit in ihr Schlafzimmer bugsieren konnten. Wie sie das innerhalb weniger Stunden bewerkstelligt hatte, war uns ein Rätsel – vor allem: Warum!?
Da sie nicht ansprechbar war, ließen wir sie im Wohnzimmer liegen und ihren Rausch ausschlafen und gingen erst einmal mit dem Hund Gassi, räumten die Einkäufe ein, aßen …
…und als sie selbst am späten Abend noch nicht wieder ansprechbar oder zu wecken war, ließen wir sie weiterschlafen – während wir bis in den späten Abend in der Küche hocken mussten, wo wir, heftig und emotional diskutierten. In mir kochte Wut und Unverständnis hoch: Nicht nur, dass meine Mutter sich wieder so vollaufen lassen hatte – diesmal hatte sie auch unseren heißgeliebten Hund eingesperrt und seinem Schicksal überlassen, währen sie sich die Kante gab: Was wäre gewesen, wenn wir noch Stunden gebraucht hätten, um ihn zu befreien?
Auch mein Mann war am Ende seiner Geduld: Gleich Morgen früh würde er seiner Schwiegermutter nach dem Frühstück mal seine Meinung sagen …!
Doch dazu kam es gar nicht.

Meine Mutter war irgendwann nachts aufgestanden, hatte sich in ihr Schlafzimmer begeben und ins Bett gelegt. Und darin blieb sie dann auch am nächsten Tag, bis zum Mittag. Trotzig wie ein kleines Kind – als sie am Morgen an unserem Tonfall gehört hatte, dass wir stinksauer waren. Sie zog sich einfach die Bettdecke über den Kopf – und dachte, damit sei der Fall erledigt. Da kannte sie aber ihre Tochter schlecht. Ich öffnete die Fenster und zog die Rollos hoch: „Mutter: Wir müssen reden …!“
„Mir doch Scheißegal …!“
War das meine Mutter, die das gerade gesagt hatte?
„Okay: Wie du willst!“ sagte ich, vor Wut zitternd, dann stürmte ich zu meinem Mann in die Küche: “Pack deine Sachen – wir fahren!“



Zwei Jahre später.

In den Monaten nachdem ich den Kontakt zu meiner Mutter für längere Zeit abgebrochen hatte, begannen für mich bewegte und bewegende Zeiten: Ich trennte mich von meinem Mann. Wir hatten vierzehn Jahre gemeinsam um seine Integration und soziale Anerkennung, Aufenthaltsgenehmigungen und die deutsche Staatsbürgerschaft gekämpft. Im Laufe unserer Studienzeit hatten wir uns allmählich auseinander entwickelt: Ihm fiel das Lernen enorm schwer, vor allem war er es nicht gewohnt, sich selbst und sein Studium zu strukturieren. Ich wollte und konnte neben meinem eigenen Studium für ihn nicht mehr die typische Frauenrolle übernehmen: Im Hintergrund wirken, die Alltagsdinge für ihn erledigen, seine Studien-Unterlagen tippen, ihm beim Lernen helfen und dem „Herrn Doktor“ Tritte in den Allerwertesten in Richtung seiner Höhenflüge zu geben …
Mit ihm verheiratet zu sein, war ein Ganztagesjob (ohne Bezahlung) gewesen, den ich mir nicht mehr leisten konnte. Auch nicht die ständigen Diskussionen, warum ich nicht in der Türkei leben und arbeiten wollte. Er hatte sich, gegen meinen Rat, das schwerste Studium für sich ausgesucht: Medizin. Nun sollte er auch damit auch alleine klarkommen – ich konnte und wollte nicht für den Rest meines Lebens nur „Ehefrau eines Arztes“ sein.
Und ich fühlte mich müde: Geliebte, erwachsene Menschen um mich zu haben, die mich wie Kinder brauchten. Ich hatte das Gefühl, wegen meiner „Nützlichkeit“ von diesen Menschen „gebraucht“ zu werden – weniger, von ihnen geliebt und wertgeschätzt zu sein.
Ich träumte vom Alleinsein: sah mich als Sennerin, auf einer Alm, nur mit meiner Hündin als treuer Begleiterin; ich sah mich auf einer sturmumtosten Hallig, mit Friesennerz und Pudelmütze, umgeben von einsamer Weite …

Doch meine Wirklichkeit sah anders aus und war dicht besiedelt mit Sorgen: Wenn ich allein leben wollte, brauchte ich einen Job. Mein BaföG reichte nicht aus, um Miete, Strom, Essen …zu finanzieren. Und als ich einen Job hatte, reichte die Zeit nicht mehr aus, um so an der FernUni Hagen zu studieren, wie es mein Magister-Studiengang mit seinen drei Fächern: Psychologie, Soziologie und Philosophie erforderte.
Mein Mann und ich trennten uns einvernehmlich, zunächst räumlich, dann emotional. Mit der Zeit begannen wir beide neue Beziehungen und lebten in verschiedenen Städten …als mich meine Mutter eines Tages wieder anrief.
Von diesem Überraschungs-Anruf fühlte mich total überfahren und war völlig perplex – doch sie plapperte gleich wieder stundenlang drauflos, als wäre nichts gewesen. Sie wirkte wie ausgewechselt, aufgekratzt und mit überschäumender Energie:“…und stell dir vor, Kind: Deine Mutter zieht um!“
Nun war sie felsenfest davon überzeug, dass ihre Wohnung Schuld an ihren Depressionen war: Zu viele Erinnerungen …! Auch die Lithium-Therapie habe sie abgesetzt, sie nehme jetzt gar keine Tabletten mehr, fühle sich wohler als jemals zuvor: „…ich hab` jetzt wieder alles im Griff, Kind …!“ Damit meinte sie, unausgesprochen, auch ihr Alkohol-Problem. Das war ihre Art, sich zu entschuldigen: Einfach so zu tun, als sei nichts gewesen, als habe man nur eine Weile, in beiderseitigem Einverständnis, ein wenig Abstand voneinander gebraucht …
Nun hatte sie also wieder ein neues „Projekt“ - und eine neue Heilserwartung: Umziehen!
Was meine Mutter dabei übersah: Wo immer du auch hinziehst – überallhin nimmst du dich selbst mit.
Doch sie war euphorisch und schien von neuem Geist und längst verschollener Tatkraft nur so beflügelt: Ihre neue Wohnung liege in der besten Senioren-Wohnanlage der Stadt, mit großem Balkon, nahe der Innenstadt …
Jetzt witterte ich den wahren Grund ihres Anrufes: „Mit mir kannst du aber nicht rechnen, Mami: Ich bin mitten in den Vorbereitungen zur Zwischenprüfung…“
Sie schien kurz irritiert – vermutlich hatte sie nie zugehört, wenn ich ihr von meinem Studium erzählte – ließ sich aber ihre Enttäuschung, dass ich nicht sofort kam, um ihren Umzug zu wuppen, nicht anmerken.
„Dann kommst du eben zu Weihnachten, wenn ich eingezogen bin!“
Wir waren also wieder „im Kontakt“ – wie meine Mutter beschlossen hatte ….

Als ich sie einige Monate später in ihrer neuen Wohnung besuchte, war ich nicht so begeistert wie sie: Der Balkon war riesig – aber die Wohnung klein, sehr dunkel …und die Senioren-Wohnanlage zwar schick und modern – aber tot. Kein Laut war in den Fluren zu hören, nur selten hörte oder sah man Menschen draußen, im malerischen Park mit Pavillon … doch Mutter redete sich ihre Welt schön: Widewidewie sie ihr gefällt.
Dass mein Mann und ich inzwischen getrennt lebten, nahm sie ziemlich gelassen hin: „Warum hast du mir das bloß nicht früher gesagt, Kind? …und ich schenke ihm noch diesen teuren Pullover zum Geburtstag…!“
Ich seufzte nur: “Mutter!“ und dachte:“Oh.Mein.Gott. In dieser Wohnung bin ich nun mit ihr zusammen eingesperrt – ohne Notausgang!
Genau so war es: Mutter redete ununterbrochen, nickte dann vor Erschöpfung nach dem Mittagessen ein, ich flüchtet nach draußen, atmete tief durch, durchwanderte Wald und Flur – um dann, bis zum Abendbrot von ihr beschallt zu werden.
Meine Großmutter kam nur selten zu Besuch, sie ertrug den Redeschwall ihrer Tochter nicht mehr. Also besuchte ich sie in ihrer Wohnung. Das war dann das Kontrastprogramm: Eine alte, einsame Frau, verbittert, schweigsam, die von mir „unterhalten“ werden wollte – und: dass ich etwas mit ihr essen sollte: so wie früher …
Auch Mutter wollte, dass ich mit ihr aß, wenn ich abends zu ihr zurückkehrte. Dass ich gerne auch mal meine alten Freunde besucht hätte oder mit ihnen ausgegangen wäre, ließ sie nicht gelten: „Warum kommst du mich überhaupt besuchen – wenn du dann mit anderen ausgehen willst?“
Weil ich es nicht mehr aushalte, vierundzwanzig Stunden in deiner Nähe zu sein…hätte ich ihr am Liebsten geantwortet. Doch ich hab `s lieber runtergeschluckt. Wie so manches kritische Wort bei diesen Besuchen: Über ihre schmutzigen Gläser im Schrank. Oder die Fruchtfliegen auf dem Obst, das in der Küche vor sich hingammelte. Den völlig verkrusteten und versifften Backofen. Über das verkochte Essen … und die geöffneten Rotwein- und Schnapsflaschen im Vorratsschrank ...

Meine Mutter allein zu besuchen, war für mich schlimmer als alles, was zuvor geschehen war. Sie nahm mich in Beschlag, wollte mich wieder zum Kind machen, stets wühlte sie in der Vergangenheit, wärmte längst Geschehenes wieder auf, erzählte mir zum hmpfzigsten Mal dieselben Geschichten – in immer wieder neuen Variationen …Variationen, bei denen sie jedes Mal besser wegkam. Auch was diverse „Vorfälle“ betraf, in denen sie eine unrühmliche Rolle gespielt hatte, bei denen ich selbst anwesend war, versuchte sie, ihre „alternativen Fakten“ hinzuzufügen …
Das konnte und wollte ich nicht zulassen, vor allem, wenn es um ihr Verhalten während der Depression oder der Manie ging - und den Alkoholmissbrauch, der damit verbunden war: Ich wollte, dass sie, verdammt noch mal, nicht die Tatsachen verdrehte, wie es ihr passte – und sie wollte, zum Kuckuck, dass ihre Tochter gefälligst nicht so mit ihr sprach…!

Jedes Mal, wenn ich sie besuchte, eskalierte die Situation. Jedes Mal nahm ich mir von neuem vor, geduldiger, nachgiebiger, gelassener zu sein, wenn sie versuchte, die Fakten so zu manipulieren, wie sie sie gerne gehabt hätte. Doch sie verstand es meisterlich, auf der Klaviatur meiner Gefühle zu spielen, schließlich kannte sie mich nur zu genau: Sie war meine Mutter. Jedes Mal wütender, verletzter, zorniger fuhr ich wieder ab.
Und irgendwann, Wochen später, rief sie mich an – und tat so, als ob nichts gewesen wäre: „Warum rufst du mich nicht an, Kind…?“

Dann passierte ihr erster Sturz. Sie rief mich an, nachdem sie aus dem Krankenhaus kam: Ihr rechter Arm sei gebrochen! Gott sei Dank war sie Linkshänderin. Doch sei sie natürlich sehr eingeschränkt …und könne nun auch die Wäsche für die Omi nicht mehr waschen …
„Ist schon klar, Mutter: Ich komme!“
Als der Arm einigermaßen verheilt war, kam die nächste Hiobs-Botschaft: Gebärmutterhalskrebs!
Diesmal blieb ich mehrere Wochen, bis sie sich einigermaßen wieder wohl fühlte.
Bei der Arbeit setzte mich meine Vorgesetzte unter Druck wegen meiner Urlaubs-Anträge: „Sind sie nun eigentlich Angestellte der Stadt oder sind sie Studentin oder die Betreuerin ihrer Mutter …? Sie müssen sich mal entscheiden…!“
Sie hatte recht: Ich wollte kündigen - aber ohne diesen Job musste ich auch mein Studium nach zwei Jahren beenden: Mit meiner Fächer-Kombination, vor allem, mit Philosophie, würde ich wohl keinen Job bekommen, der mich ernähren konnte. Ich überredete meinen Mann, endlich Nägel mit Köpfen zu machen, wir nahmen uns einen Anwalt, und ließen uns scheiden. Da wir schon lange getrennt lebten, ging das Ruckzuck – leider hatte ich nicht bedacht, dass ich das Ganze bezahlen musste – denn ich hatte einen Job, während mein Mann noch immer studierte ...
Ich kündigte meine Arbeitsstelle und mit dem Rest meines Ersparten machte ich eine zweijährige, selbst finanzierte Ausbildung in Humanistischer Psychotherapie, die für mich vor allem eineinhalb Jahre Selbsterfahrung war – und: Eine willkommene Abwechslung zum Stress mit meiner Mutter.

Die lag fast jedes Jahr – gerne zu ihrem Geburtstag oder zu Weihnachten – im Krankenhaus. Fast könnte man meinen, sie habe ihre diversen Stürze so geplant …und jedes Mal hatte ich den Verdacht, dass sie nicht nüchtern gewesen war, als sie stürzte …
In ihrer alten Wohnung (sie war noch einmal, innerhalb der Senioren-Wohnanlage, umgezogen) musste ich die Spuren ihres „schöner Wohnen im Suff“ mit viel Spiritus – im Putzwasser! - beseitigen: Ich hatte ihr versprochen, die abschließende Grundreinigung ihrer alten Wohnung zu übernehmen. Obwohl sie dort nur drei Jahre gewohnt hatte, war ich geschockt, wie diese Wohnung nun aussah: Sie übertraf meine Vorstellungen an Ekel, Ablehnung und Scham: Aus meiner ordentlichen Mutter, die ihre Wohnungen so gerne „gemütlich“ und „mit Stil“ dekoriert und immer gepflegt hatte, war eine alte, nachlässige Frau geworden, die langsam verschlampte. Diesem Dreck war nur noch mit viele Mühe und stundenlangem Schrubben beizukommen: In Zukunft sollte das, meiner Meinung nach, doch eine bezahlte Hilfskraft machen: Wozu wohnte Mutter im „betreuten Wohnen“ und wofür bezahlte sie eigentlich für die Betreuung vom Roten Kreuz?
Doch meine Mutter blieb stur: „Fremde Leute in meiner Wohnung: Kommt gar nicht in Frage!“
Jede Form der Hilfestellung oder Betreuung ließ sie lange Zeit nicht zu – bis zu jenem Tag, an dem sie, im Winter, auf der Straße, bei Glatteis, schwer stürzte und mit einem Trümmerbruch im Schultergelenk im Krankenhaus eingeliefert wurde …






Nachwort:
Auch dieser Sturz sollte nicht ihr letzter gewesen sein.
Die Geschichte meiner Mutter und unserer Mutter-Tochter-Beziehung war, bis zum Ende, nicht immer einfach: Für uns beide. Nach außen mag diese Geschichte ohne Happy End erscheinen.
Doch wer weiß: Wäre ich ohne die Geschichte meiner Mutter Ergotherapeutin in der Psychiatrie geworden – und auch mein Mann Oberarzt in der Psychiatrie?
Aus Gründen der Pietät und der Würde meiner Mutter möchte ich darüber schweigen, wie sie ihre letzten Lebensjahre, bis zu ihrem Tod vor zwei Jahren, verbrachte.
Heute – dreißig Jahre, nachdem meine Mutter ihre offizielle Diagnose gestellt bekam, bleibt für mich eine Frage offen: Was wäre, wenn ich selbst - jetzt, wo ich so alt bin wie sie damals – heute diese Erkrankung hätte? Das wäre nicht nur möglich, sondern, rein biologisch, wahrscheinlicher, als mir lieb ist: Kinder von alkoholabhängigen, depressiven Eltern „erwischt“ diese Erkrankung signifikant häufiger als andere …
Ich frage mich, ob es für mich, als Frau, heute leichter wäre, über eine solche Abhängigkeit oder eine psychiatrische Erkrankung in der Öffentlichkeit zu sprechen. Meine Antwort ist: Jein.
Gerade weil ich sieben Jahre in der Psychiatrie gearbeitet und erlebt habe, wie psychiatrische Erkrankungen die Persönlichkeit, das Wesen, den Intellekt, die Gefühle der betroffenen Personen verändern, manchmal auch einengen und deformieren können.
Doch diese Menschen SIND nicht ihre Erkrankung, sie haben eine Erkrankung.
Mit der es möglich ist, persönliche Reccourcen auf- und auszubauen, Möglichkeiten zum Ausdruck zu unterstützen, die emotionale, physische und physische Lage, den Alltag, das persönliche Hobby aufrecht zu erhalten und selbständig zu bewältigen – mit Hilfe von Therapeuten, Therapien und, wenn nötig und sinnvoll, auch mit medikamentöser Unterstützung.
Das kann aber nur gelingen, wenn man auf Augenhöhe und offen und ehrlich miteinander umgeht, gleichberechtigt und gleichwertig in der Mitte der Gesellschaft und im sozialen Umfeld fest integriert ist.

Mit Königshäusern habe ich eigentlich nichts am Hut – bekomme aber gerade mit, wie Prinz William und Prinz Harry sich in England für psychisch Kranke engagieren und auch die Geschichte ihrer eigenen, lange unverarbeiteten Trauer nach dem Tod ihrer Mutter, Prinzessin Diana, der damit verbundenen Verzweiflung und Depression öffentlich machen.
Das hätte meiner Mutter sicher gefallen. Daher habe ich mich entschlossen, über ihre Geschichte endlich so offen zu sprechen - wie es zu ihren Lebzeiten nicht möglich gewesen war.
Möge ihre und unsere Geschichte anderen helfen, ihre Gefühle der Scham und der Angst, ihre Gefühle von Traurigkeit und Unvermögen zu überwinden, indem sie ebenfalls ihre Geschichte erzählen, bearbeiten und manchmal dadurch überwinden.
Abhängigen oder Co-Abhängige kann ich nur raten, sich dabei Hilfe zu suchen, die ihnen zusteht, denn: Jede einzelne, individuelle Lebens- und Krankheitsgeschichte hat unser aller Aufmerksamkeit, Achtung und Respekt verdient.

2 Kommentare 25.4.17 14:48, kommentieren

Der Tag, an dem Mutter verschwand, Teil IV

Der Tag, an dem Mutter verschwand, Teil IV


Ver-rückt ...?!



Doch diesmal sollte sich alles anders entwickeln : Meine Oma, die mit zu den Gästen gehörte, die draußen vor Mutters Tür standen und nicht eingelassen wurden, ahnte bereits, was geschehen war. Diesmal brauchte sie weder die Polizei noch die Feuerwehr zu benachrichtigen: Nach dem letzten Vorfall hatte sie heimlich einen Schlüssel beim Nachbarn deponiert und rief von dort aus den Hausarzt meiner Mutter an.
Der kam sofort – und als er feststellte, dass meine Mutter nicht ansprechbar und in einem kritischen Zustand war, wies er sie in eine psychiatrische Klinik ein - weit von ihrer Heimatstadt entfernt. Diese Klinik war auf Abhängigkeitserkrankungen spezialisiert.
Man hätte meinen können, dass alles gut werden könnte ...

Nach dem Schock über Mutters Einweisung herrschte erst einmal Funkstille: Striktes Besuchs- und Kontaktverbot für Angehörige.
Etwa drei Wochen später rief meine Mutter mich das erste Mal an. Es war der herzzerreißendste Anruf, den ich je bekommen hatte. Die meiste Zeit über weinte sie und stammelte Entschuldigungen. Sie hatte Artikulationsprobleme und es schien ihr nicht klar zu sein, warum sie dort war. Sie flehte mich an und bettelte um Hilfe: „…ich bin doch nicht verrückt, Kind …lautes Schluchzen …es ist so furchtbar hier …verzweifeltes Weinen…bittebitte, hol` mich hier raus!“
Ich fragte, ob sie denn keine Therapie bekäme.
„Nur Tabletten – und die machen mich so …ich bin nicht mehr ich…die machen mich süchtig, haben die gesagt! Ich will das alles nicht …!“
„Und sonst - bekommst du keine Psychotherapie, keine Gespräche?“
„Nichts. Nur Ergotherapie …“
„Was ist das denn?“
„Körbe flechten.“
„Was?“
„Ich hab schon drei Stück…“
Das reichte. Ich hatte genug Bilder im Kopf: Meine Mutter (womöglich noch in Anstaltskleidung!), völlig zugedröhnt mit Medikamenten, beim Körbe flechten… In so einer Scheißklinik – mit Therapien aus dem vorigen Jahrhundert – konnte ich sie doch unmöglich ihrem Schicksal überlassen!
Ich mobilisierte all meine Überredungskünste, damit mein Mann sich freinahm, um mit mir am übernächsten Tag hunderte von Kilometern quer durch mehrere Bundesländer zu gurken, um meine Mutter aus den Fängen einer vermeintlichen Psychopharmaka-Mafia zu befreien.

Die Klinik machte nach Inspektion einen besseren Eindruck, als mir lieb war: Eingebettet in eine ruhige, idyllische Landschaft, alles war offen, das medizinische Personal freundlich, Mutter hatte ein hübsches Einzelzimmer …nur ein Arzt war nicht zu sprechen. Wir kamen unangemeldet und man machte uns deutlich, dass man das hier nicht gerne sah. Meine Mutter wirkte auf mich völlig verändert: Still und verhuscht kauerte sie auf der Bettkante, die Haut wirkte eingefallen, alt, ihre Hände zitterten …
Wir wollten mit ihr im Park spazieren gehen, doch sie hielt meine Hand fest umklammert und flüsterte: „Bitte, Kind …nimm mich mit nach Hause! Die behandeln mich hier wie eine …ich bin doch keine…bitte, Kind: Ich tu `s auch nie wieder …!“
Mein Mann reagierte sofort und marschierte, energischen Schrittes, hinaus – Richtung Schwesternzimmer. Er bestand darauf, mit dem behandelnden Arzt sprechen. Als der nicht aufzutreiben war, besprachen wir uns kurz. Danach informierten wir die diensthabende Schwester, dass wir meine Mutter heute noch auf eigene Verantwortung mit nach Hause nehmen würden. Man war not amused: Und, welch Wunder: Plötzlich war doch noch ein Arzt aufzutreiben …
Dann ging`s zu meiner Mutter „Koffer packen – und raus hier!“
Ich war so beseelt davon, das richtige zu tun - niemals zuvor hatte ich meine Mutter so dankbar erlebt. Doch im Nachhinein sollte dies eine meiner größten Fehleinschätzungen gewesen sein…

Wir nahmen meine Mutter mit zu uns nach Hause – ohne auch nur einen Hauch einer Ahnung, was wir mit ihr dort anstellen sollten. Wir hatten eine Verantwortung übernommen, die uns völlig überforderte: Was war mit Mutter wirklich los? War sie wirklich schwer krank – und wenn ja: Was genau hatte sie? Was war vorrangig: Ihr Alkohol-Problem oder ihre Depression? Und waren diese vielen, starken Medikamente wirklich nötig?
Ich studierte die Beipackzettel des beachtlichen Medikamenten-Depos, das man ihr mitgegeben hatte. Meine Mutter war dazu nicht in der Lage, hatte Konzentrationsstörungen, Artikulationsstörungen, nickte ständig ein, wirkte devot und unterwürfig, ließ uns machen …schien wie in Watte gepackt, ohne Interesse, teilnahmslos …
Ich fand einen Psychotherapeuten, der sie als Notfall aufnahm – der uns bestätigte, was wir bereits geahnt hatten: Mutter war inzwischen abhängig von diesen Medikamenten. Das seien, so der Therapeut, solche Hammer, die könne und dürfe er nicht einfach absetzen, nur langsam ausschleichen …
Die nächsten Wochen war ich damit beschäftigt, meine Mutter psychisch wieder aufzubauen. Mit Gesellschaftsspielen, Spaziergängen und Ausflügen versuchte ich, ihr Interesse am Leben, ihrer Umwelt, wieder zu wecken. Mit duftenden Pflegeartikeln lockte ich sie, sich wieder zu pflegen, zum Friseur zu gehen. Ich beschäftigte sie mit Handarbeiten oder gemeinsamem Kochen – alles Dinge, die sie immer gerne gemacht hatte - und sprach nur über „das leidige Thema“, wenn sie es selber anschnitt. Ihr schien alles recht zu sein – so duldsam kannte ich meine Mutter gar nicht – und ja: ich genoss es, welch grenzenloses Vertrauen sie plötzlich zu mir hatte und sämtliche Verantwortung an mich abgab ...
Von meinem Helfersyndrom geradezu beflügelt, knüpfte ich für sie die Kontakte zu meiner Großmutter und Schwester, die mir hoch und heilig versprechen mussten, Mutter nach ihrer Rückkehr ebenfalls zu unterstützen. Mit ihrem Therapeuten und ihrem Hausarzt besprach ich das weitere Vorgehen, rief alte Freundinnen meiner Mutter an …
Als sie nach einigen Wochen den Wunsch äußerte, wieder in ihren eigenen vier Wänden leben zu wollen, nahm ich ihr das Versprechen ab, dies nicht ohne eine medikamentöse und eine neue, begleitende Psychotherapie in Angriff zu nehmen – ihre hatte sie ja bereits nach drei- vier Besuchen abgebrochen. Erst nachdem sie uns das fest versprochen hatte, brachten wir sie

Damit hatte ich nicht nur ein Problem, das „Mutters Depression“ hieß, sondern mich auch noch zu „Mutters Therapeutin“ machen lassen …
zum Bahnhof.

Die nächsten Jahre verliefen ruhig. Mutter begann eine Lithium-Therapie – auf die setzte sie alle Hoffnungen – wollte aber keinerlei Gesprächstherapie mehr: Die Therapeuten seien doch noch „junge Dinger“, hätten vom Leben keine Ahnung - und sie, als ältere Frau solle sich vor denen seelisch „entblößen“? Niemals! Auch die Anonymen Alkoholiker kämen für sie nicht in Frage: Was sollten denn die Leute denken, wenn man sie dort sehe - man kenne sie doch in der Stadt, sie habe schließlich einen guten Ruf zu verlieren …
Die Medikamente, die sie in der Klinik bekommen hatte, ließ sie ausschleichen und wurde nach und nach wieder ganz die Frau, die wir kannten …aber sie trank nicht mehr. Wenigstens erzählte sie uns das. Zumindest gab es in nächster Zeit keinerlei „Zusammenbrüche“, die uns in Alarmbereitschaft setzten.
Einerseits war ich erleichtert – andererseits hatte meine Mutter mich zu ihrer „Therapeutin“ erkoren: In endlosen Monologen klagte sie mir nun ihr Leid: Begonnen habe ihr Elend bereits in ihrer Kindheit …und dann der Tod ihres Vaters…ihr Bruder, der vermisst war…der Krieg…die Ehe mit einem Kriegsversehrten…ihre alles bestimmende Mutter….der Tod ihres Mannes…wir Kinder …ihr Freund…die Nachbarn …das Leben…die Politik …diese schrecklichen Zeiten…!
Meine Mutter, die Königin der Opfer.
Mehr und mehr fühlte ich mich als ihren seelischen Mülleimer, benutzt und ausgenutzt – und dieses Gefühl kannte ich bereits seit meiner Kindheit.
Mutter fragte am Telefon nicht, wie es mir ging, oder ob ich Zeit oder Lust hätte …stattdessen plapperte sie immer gleich munter drauflos – und ließ sich nicht unterbrechen, wenn ich auch mal was dazu sagen wollte. Auch wenn ich mehrmals versuchte, das Gespräch zu beenden: „ Mutter, ich muss jetzt WIRKLICH …!“ ließ sie sich nicht abschütteln. Irgendwann begann ich, den Telefonhörer am Ohr, während ihrer stundenlangen, nicht enden wollenden Monologe, nebenbei abzuwaschen, zu handarbeiten, zu lesen …
Klingt wenig empathisch – aber irgendwann nutzt sich jedes Helfersyndrom mal ab.
Je besser es ihr psychisch ging – umso lästiger wurde ihr Drang, alles und jeden zu Tode zu reden. Manchmal hatte ich den zynischen Gedanken: In der Depression war sie mir fast lieber…! Und natürlich schämte ich mich dafür.
Selbst alten Weggefährten meiner Mutter schien es ähnlich zu gehen. Doch für die gab es einen Notausgang: Sie brachen den Kontakt einfach ab – und sagten mir dann, ganz im Vertrauen: „Wir haben ja viel Verständnis für deine Mutter – aber dies Gesabbel, diese ständigen Diskussionen, diese Trinkerei …und wenn man sie mal kritisiert, wird sie gleich beleidigend …!“
Für sich selbst beanspruchte meine Mutter gerne die Opferrolle – doch was das seelische Leid anderer Menschen betraf, konnte sie unempathisch und seltsam schroff sein. Das bekam auch ich zu spüren – nachdem ich in einem Jahr zwei Fehlgeburten in der Frühschwangerschaft hatte. Sie war gerade bei uns, es war Weihnachten – deshalb konnte sie mich im Krankenhaus besuchen. Meine Mutter setzte sich an mein Bett, tätschelte seltsam unberührt meine Hand und sagte: „Na, das ist eben Künstlerpech, mein Kind! Ich habe dich ohnehin nie als „Mutter“ gesehen …“
Da hätte ich sie am Liebsten rausgeschmissen.
Nach diesen Fehlgeburten war ich erst einmal mit mir beschäftigt – und irgendwie auch zu erschöpft, um mir pausenlos um meine Mutter Sorgen zu machen. Mein Mann und ich beschlossen, dass er seine Stelle beim Bergbau kündigte – und wir begannen beide zu studieren: Mit sechsunddreißig und vierzig Jahren. Er Medizin und ich - wen sollte es wundern? – Psychologie.
Und meine Mutter drehte am Rad - vor Stolz und auch, weil sie manisch war.
Dass es noch diese zweite Seite ihrer Depression gab, war uns bisher nicht verborgen geblieben – doch hatte ihr seltsam bizarres Verhalten bisher noch keinen Namen.
Doch nun, mit Hilfe unseres neuen Studiums und entsprechenden Gesprächen mit Ärzten, erfuhren wir endlich auch die exakte Diagnose der Erkrankung meiner Mutter: Zyklothymie oder manisch-depressive, bipolare Störung.
Und meine Mutter war stolz und glücklich: Von nun an hättee sie – auch privat – nur die besten Fachleute und Experten um sich geschart …

7 Kommentare 24.4.17 12:32, kommentieren

Der Tag, an dem Mutter verschwand, Teil III

Achterbahn



Nachdem ich in meinen Alltag zurückgekehrt war, gab es auch keine weiteren Gespräche mehr mit meiner Mutter über jenen Abend, an dem sie erst emotional ausgerastet und dann sturzbetrunken auf der Toilette eingeschlafen war: Erst wollte sie „diesen Vorfall“ einfach ausblenden, indem sie sich weigerte, darüber zu sprechen. Dann bagatellisierte den Vorfall als ihren „Schwäche-Anfall nach einem ereignisreichen Tag“.
Und wenn gar nichts mehr half, griff sie mich an: „Ihr trinkt doch alle selber Alkohol – und nicht zu knapp! Seit wann spielst du dich jetzt als mein Vormund auf? Mein Leben lang habe ich mich nur um meine Kinder gekümmert, habe mir Kummer und Sorgen um euch gemacht …wie kannst du es wagen: Ich bin deine Mutter!“
Zornig und gekränkt zischte ich zurück: „Von mir aus: Mach doch, was du willst! Aber wenn du dich noch mal so volllaufen lässt, wirst du auf mich an deinem nächsten Geburtstag verzichten müssen!“
Die Monate vergingen - mit trotzigem Schweigen, erneuten Annäherungsversuchen und einem unausgesprochenen Waffenstillstand: Sprechen wir einfach nicht mehr darüber …!
Doch da war noch meine Großmutter – und die hatte Gesprächsbedarf. Kaum ein Monat verging, in dem sie mich nicht mehrmals anrief und sich beklagte, über ihre haltlose Tochter wetterte und an mich appellierte, un-be-dingt mit meiner Mutter über ihr „ungehöriges“ Verhalten zu sprechen: Sie kontrollierte jetzt deren Alkohol-Konsum und der sei „mehr als bedenklich“ – darüber habe sie bereits Rücksprache mit ihrem Hausarzt gehalten. Auch darüber, dass ihre Tochter in letzter Zeit so aggressiv sei. Wenn sie sie auf ihren Alkoholkonsum anspräche, drohe sie damit, sie rauszuschmeißen und einfach vor die Tür zu setzen …meine Oma weinte. Sie schien wirklich verzweifelt zu sein.

Wenn ich meine Mutter am Telefon hatte, beklagte die sich auch bei mir. Über ihre Mutter: Die werde jetzt langsam alt und „anstrengend“, spioniere ihr nach, wache eifersüchtig über ihre Feierabend-Aktivitäten, wolle genauestens informiert werden, mit wem sie was unternehme…sie mische sich in ihre Angelegenheiten, sei eifersüchtig auf das bisschen Freude, das sie habe, kurzum, sie benehme sich wie eine greise Helikopter-Mama. Das sei nicht zum Aushalten, ihr Freund möge sie deswegen auch nicht mehr zu Hause besuchen …
Ich seufzte verhalten. Und dachte mir mein Teil: Früher hatten wir Kinder den Puffer zwischen den beiden Streithennen gebildet – eine undankbare Aufgabe, die Kinder sich nicht aussuchen, sondern einfach übernehmen - weil ihnen nichts anderes übrig bleibt. Ich konnte mir denken, dass der Freund meiner Mutter andere Interessen hatte, als jetzt der Dirigent in diesem Mutter-Tochter-Streitorchester zu sein.
Die Beziehung schien zu bröckeln - auch deswegen, weil Mutter sich nicht entscheiden konnte, wo sie leben wollte. Unsere Wohnung wollte sie unbedingt behalten – doch darin lebte auch meine Oma. Und die ging ihr auf den Keks …aber im Haus ihres Freundes konnte sie es auch nicht lange aushalten: Überall Bilder von seiner verstorbenen Frau, seinem gelebten Leben, seinen Erinnerungen ...
Sie wolle ausgehen, ins Theater, Museum, Städtereisen machen, was von der Welt sehen – während ihr Freund von ihr verlange, dass sie mit ihm in seinem Garten sitze, Erdbeeren, Stachelbeeren, Kirschen …ernte, einkoche, putze, Kuchen backe …
Das konnte ich nachvollziehen – und auch die Bedürfnisse aller anderen Beteiligten, ihre Hoffnungen und Erwartungen. Aber eigentlich wollte ich mich lieber um meine eigenen Wünschen und Bedürfnisse …ich kam nie zu Wort. Was mich und meine Probleme anging, hatte meine Mutter eine sehr praktische Maxime: Selber Schuld, selbst gewählt, deine Sache, sieh zu, wie du damit fertig wirst! Was sie jedoch nicht daran hinderte, mich jederzeit um Rat zu fragen. Ich sei doch „ihre Beste“, „so klug und vernünftig“ …
Meine Telefonnummer wurde als Telefon-Seelsorge für die Mühseligen und Beladenen meines persönlichen Umfelds benutzt. Und manchmal war ich einfach froh darüber, dass Mutter in einem anderen Bundesland lebte und mich nicht so überfallen konnte, wie meine Freunde es gerne taten, die auf unserer Couch fläzten und mir gerne von ihren Sorgen, Ängsten und Nöten erzählten. Mein Mann war nur selten da – tagsüber arbeitete er unter Tage, abends ging er zur Abendschule. Ich hatte ihm das schmackhaft gemacht, damit er die deutsche Sprache und Kultur besser verstand und unterstützte ihn beim Lernen und allen Alltagsproblemen. Mir war klar, dass er im Bergbau als Ausländer nur wenige Chancen hatte, aufzusteigen. Ich wollte ihn dabei unterstützen, dass er eine Arbeit fand, die körperlich nicht so anstrengend und schmutzig war, doch dazu fehlten ihm einige schulische Qualifikationen, die er in der Türkei nicht erworben hatte.
Unser Zuhause war ein umtriebiger multi-kulti-Treffpunkt, auch ich ging zur Abendschule, um mein Abi nachzuholen. Unser Tagesgeschäft bestand aus Arbeit, Haushalt, lernen, lernen, lernen, mit Freunden unterwegs sein …als uns mich der Telefonanruf meiner Oma ereilte: „Kind, ich weiß gar nicht, wie ich es dir sagen soll: Deine Mutter… sie liegt jetzt im Krankenhaus …
Was war geschehen: Meine Großmutter war Morgens aus dem Haus gegangen, um Einkäufe und Arztbesuche zu erledigen – und als sie Mittags nach Hause kam, war die Wohnung verschlossen, drinnen war jedoch Licht zu sehen, Musik zu hören. Sie klingelte mehrmals Sturm - aber niemand öffnete. Weil sie keinen Schlüssel dabei hatte, ging sie in den Garten vor dem Haus und klopfte von drinnen ans Fenster …keine Reaktion. Nach einiger Zeit habe sie so ein komisches Gefühl gehabt, so eine Unruhe: Da muss was passiert sein! Und dann habe sie mit den Nachbarn kurzerhand die Polizei gerufen …
Der Telefonhörer in meiner Hand zitterte: „ Und? Nun sag` schon, Omi!“
Man habe das Schloss aufgebrochen – und meine Mutter, im Flur liegend gefunden: „…in hilflosem Zustand nach schwerem Alkohol-Abusus, nicht mehr ansprechbar …“
Also: Notarzt, Rettungswagen, Einweisung ins Krankenhaus …
Ich solle mir aber keine Sorgen machen: Sie sei außer Lebensgefahr – und käme wohl auch bald wieder nach Hause …die Stimme meiner Oma krächzte …nach der Entgiftung.
Auf diesen Schreck hätte ich gerne einen Schnaps getrunken.
Doch der blieb mir jetzt immer öfter im Halse stecken – wenn ich Vollalkoholisierte durch den Park torkeln sah, wenn ich im Fernsehen die Massenbesäufnisse am Ballermann, auf Volks- und Schützenfesten betrachtete, wenn ich beim Karneval in Köln Jugendliche im Säuferkoma auf der Straße liegen oder im Zug die Gänge vollkotzen sah …
Ich hatte also „ein Problem mit Alkohol“ – und das hieß: Mutter. Einige Tage, nachdem sie dem Krankenhaus entlassen worden war, greinte eine hohes Kleinmädchen-Stimmchen auf meinem Anrufbeantworter: „Sine …hier ist Mami …
Einige „Alkohol-Zusammenbrüche“, Blitz-Nachtfahrten zu meiner Mutter und diverse Krankenhaus-Einweisungen später werde ich das, was sie mir – oder sich selbst? - umständlich langsam oder auch in endlosen Logorrhoen, zu erklären versuchte, nur noch als MSS (Mutters Schuld-Syndrom) bezeichnen: „…Ich weiß gar nicht, wie das passiert ist…es ist irgendwie über mich gekommen …ich hab` wieder Mist gebaut…das war nicht meine Schuld, die haben mir x,y…z angetan, es war mir einfach alles zu viel… alles ist so sinnlos… ich war so alleine… ich hatte so viel am Hut, alle wollen immer was von mir …ich schaffe das einfach nicht mehr … ich habe mir nichts dabei gedacht… ich war so traurig… es ging mir doch so gut… es ging mir gar nicht gut… ich war irgendwie außer mir… ich hatte doch gar keinen Grund…ich wollte nur mal fröhlich sein… ich hab` Mist gebaut… ich weiß, das war zu viel… aber mir ist eben alles zu viel gewesen… ich wollte einfach nicht mehr denken, nur noch schlafen, ausruhen …
…und am liebsten sterben.“
Diese letzte Version kam ungefähr nach ihrer dritten Einweisung. Und Mutter bekam eine Diagnose: Depression.
Ich blieb skeptisch: Meine Mutter war alles andere als Lebensmüde – im Gegenteil, sie nervte alle mit ihrem unstillbaren Redefluss und ihrer permanenten Feierlaune. Ich hatte langsam den Verdacht, wenn sich nicht alles um sie drehte, inszenierte sie solche „Zusammenbrüche“ – bei denen sie sich immer „retten“ ließ. Dann war sie eine Weile wieder Mittelpunkt des Geschehens – vor allem schien sie die Aufmerksamkeit von Ärzten und Pflegepersonal zu genießen. Und bestand darauf, dass die uns erklärten, dass sie „wirklich schwer“ krank sei.
Mit der Diagnose „Alkoholabusus“ wird man nicht gerade als A-Promi auf der Station behandelt, die bringt ihr nur Scham- und Schuldgefühle ein – aber die Diagnose „Depressive Phase mit suizidalen Tendenzen“ brachte weitaus mehr Zuwendung und damit ordentlich Krankheitsgewinn …
Ich verstand die Welt nicht mehr: Warum sollte meine Mutter, die alle Schicksalsschläge ihres Lebens bisher erfolgreich geschultert und zwei Kinder großgezogen hatte, aus denen „etwas geworden war“, worauf sie stolz war, die einen Freund und ein stabiles, soziales Umfeld hatte, sich plötzlich, ohne nachvollziehbaren Stress, das Leben nehmen wollen?
Mir gegenüber stritt sie das auch vehement ab: Ich solle mir bloß keine Sorgen um sie machen, da würden die Ärzte übertreiben: Sie wolle doch nicht schon sterben …

Nach mehreren solcher „Kontrollverluste“ war ich am Ende mit meinem Latein und selber depressiv gestimmt. Doch Kinder von Alkoholikern schienen keine Lobby zu haben. Ich hatte in den vergangenen Monaten bereits mehr Ratgeber-Literatur über Alkoholismus gelesen, als ich für die Fächer Bio, Psycho und Sozi für mein Abi wissen musste. Inzwischen war auch meinem Mann nicht entgangen, welche Probleme meine Mutter hatte – und es gab bei uns wieder Diskussionen darüber, dass ein moslemischer Glaube und eine moslemische Kultur meine Mutter davor geschützt hätten: Gläubige Moslems trinken keinen Alkohol (in der Öffentlichkeit) – und Frauen schon mal gar nicht. Betrunkenen Frauen in Deutschland – oder als Touristinnen, in der Türkei und am Ballermann, völlig enthemmt und willenlos, torkelnd und kreischend: Das war meinem Mann ein Gräuel, und, da musste ich ihm recht geben: Kein Zeichen von „Emanzipation“!

Immerhin: Mutter hatte jetzt einen Hausarzt, mit dem sie offen über alles sprechen konnte. Er ließ sie beim Neurologen untersuchen – ohne Befund - und verordnete Tabletten zur Stimmungsaufhellung. Zur Unterstützung der Behandlung ging sie einige Male zu einer Psychotherapeutin. Eine Weile schien alles gut – dann trennte sich meine Mutter von einem Tag zum anderen von ihrem Freund. Und weil es ihr - den Pillen sei Dank! - gerade so gut ging, warf sie auch gleich meine Großmutter noch aus der Wohnung.
Erst dachte ich, das seien nur leere Drohungen ohne jede Konsequenz. Doch diesmal schien es ihr Ernst zu sein. Ihre Therapeutin habe ihr dazu geraten: Sie müsse sich von allem trennen, was sie belaste …
So hatte das die Therapeutin wohl weder gesagt noch gemeint. Aber für meine Mutter war jetzt die „Zeit des Erwachens“: Sie suchte meiner Oma eine kleine Wohnung, organisierte in kürzester Zeit deren Umzug …der eher einem Rauswurf glich.
Meine Oma tat mir in der Seele leid. Gut, manchmal hatte sie mich auch genervt mit ihrer Strenge und Unduldsamkeit – doch das hatte sie nicht verdient, im Alter so herzlos und unsensibel von ihrer Tochter behandelt zu werden. Doch was sollte ich tun? Ich konnte Mutter nicht dazu zwingen, mit wem und wie sie, meiner Meinung nach, leben sollte.
Ich war wütend auf sie, ich grollte – und hatte den Verdacht, dass nun alle unliebsamen Zeugen ihrer „Alkohol-Eskapaden“ in ihrem Umfeld beseitigt wurden - damit sie ungestört und ungehindert weiter trinken kann.
Mein Verdacht bestätigte sich: Nachdem meine Mutter die ganze Wohnung in Beschlag genommen, renoviert und neu eingerichtet hatte, schlitterte sie geradewegs in die nächste Katastrophe: It`s Party-Time!
Mutter tat etwas für ihre Gesundheit – und gegen das Alleinsein. Sie wurde Mitglied sämtlicher Damen-Clubs in ihrer kleinen Stadt: Da waren ihre Schwimm-Frauen, ihre Canasta-Girls, ihre Wander-Mädels, ihre Urlaubs-Elsen …und diese Golden Girls (die meisten alleinstehend, verwitwet) fand ich auch alle zuckersüß, lustig und fidel - wenn sie nur nicht ständig was zu feiern gehabt hätten und alle so heiß auf Alk gewesen wären: Eierlikörchen, Aufgesetzten, Rumtöpfchen, Pfirsichbowlen, Maibowlen, Erdbeerbowlen, Kullerpfirsich-Sektchen, Verdauungsschnäpschen …der Alkohol floss in Strömen – und welches Kind hätte da schon die Spaßbremse gespielt und gesagt: „Mutti, warum sauft ihr bloß alle so viel …?“
Ich auch nicht. Außerdem: Mutter hatte ja nun offiziell „Depressionen“ – kein Alkoholproblem – wer würde es da wagen, sie davon abzuhalten: Ein bisschen Spaß muss sein …!
Na, meine Mutter hatte jedenfalls `ne Menge „Spaß“ mit ihren Mädels – bis zu dem Tag, an dem ihre Gäste, die sie zu ihrem 65. Geburtstag eingeladen hatte, vor ihrer Tür gestanden, geklingelt haben - und ihnen niemand öffnete …
„The same procedure as last year, Mum?”
“The same procedure as every year, Darling!”

23.4.17 17:25, kommentieren

Der Tag, an dem Mutter verschwand, Teil II

Katerstimmung




Über den „Vorfall“ fanden am nächsten Tag keine Gespräche mit meiner Mutter statt: Sie blieb einfach im Bett und behauptete, „krank“ zu sein.
Ich unternahm einen längeren Spaziergang mit ihrem Freund, auf dem er mir weitere, auch intime Details aus seiner Beziehung zu meiner Mutter erzählte, was mir sehr unangenehm war. Ich war ihre Tochter – was sollte, konnte ich dem Freund meiner Mutter zu seinen Beziehungsproblemen raten? Er war auf einer ganz anderen Ebene mit meiner Mutter verbunden als ich - allzu viele Einzelheiten, die sein Schlafzimmer betrafen, wollte ich nicht hören. Doch er fühlte sich ratlos, alleingelassen - und deutete abschließend an, dass er die Beziehung zu meiner Mutter, so schwer ihm das auch falle, beenden werde, wenn sie sich nicht ändere…
Meiner Großmutter musste ich versprechen, in Zukunft für ihre Nöte ein offeneres Ohr zu haben. Ich sagte ihr, sie dürfe mich immer anrufen und mir erzählen, wie sich meine Mutter ihr gegenüber verhalte. Dabei fühlte ich mich äußerst unwohl – als würde ich meine Mutter verraten und an jemandem „ausliefern“, der sie ohnehin schon seit ihrer Kindheit kontrollierte und ihr nichts als Vorwürfe machte.
Ich saß zwischen allen Stühlen: Meine Oma, eine bescheidene, fleißige, arbeitsame, aber auch strenge und moralisierende Diktatorin, schien, was ihre Tochter betraf, keine besonders hohe Meinung von deren Fähigkeiten zu haben, ihr Leben ohne ihre Hilfe meisten zu können.
Für diese Überzeugung brauchte sie Beweise – und Verbündete, die sie bei ihren Enkelkindern suchte.
Deshalb versprach ich ihr, noch einmal mit meiner älteren Schwester darüber zu sprechen, die im Nachbarort wohnte. Dies erwies sich als ziemlich sinnlos, denn meine ältere Schwester versteckte sich hinter ihrem Mann. Und der machte keinen Hehl aus seiner Feindseligkeit: Nach Mutters Meinung hatte meine Schwester den „falschen“ Mann geheiratet, sich „unter Wert verkauft“, das verzieh er ihr nicht. Obwohl die schlimmsten Grabenkämpfe zwischen Schwiegermutter und Schwiegersohn ausgefochten waren, tauchten meine Schwester und ihr Mann höchstens noch einmal im Jahr zu Besuch bei ihr auf (und auch das nur nach langem Betteln und diversen Anrufen ihrerseits), ansonsten hatten sie sich „abgesetzt“, lebten den ganzen Sommer über an der Ostsee – und planten, nach Spanien auszuwandern. Mit meiner Mutter, so behaupteten sie, seien sie „fertig“, das „leidige Thema“ sei für sie abgeschlossen: Sie sei schließlich erwachsen und müsse doch langsam wissen, wie viel Alkohol sie vertrage....
Das empfand ich als unsensibel und unreflektiert - beide definierten sich selbst als „Weinkenner“ und „Genießer“ – weil ich sie bei Besuchen und auf Festen oft als wahllose Vieltrinker erlebte, die es liebten, sich über Menschen, die weniger vertrugen als sie, lustig zu machen und sie „abzufüllen“. Ich selber war als Jugendliche oft Opfer ihrer Sauf-Attacken geworden, sollte „beweisen“, wie viel ich vertragen konnte –auch meine Mutter hatten sie oft genug dermaßen abgefüllt, dass ich dann das Vergnügen hatte, mit der Gehasselhofften zum Bahnhof zu schlingern oder sie mit dem Taxi abzutransportieren.

Nach all der Aufregung um meine Mutter war ich anschließend heilfroh, am Abend des nächsten Tages in mein Leben zurückehren zu können. Auf unserer Fahrt nach Hause mochte ich immer noch nicht mit meinem Mann darüber sprechen, was wirklich vorgefallen war. Ich bagatellisierte die Angelegenheit und tat so, als sei nichts Außergewöhnliches vorgefallen. Weil es mir peinlich war und weil ich das Verhalten meiner Mutter oder meiner Schwester als mein Problem betrachtete – oder betrachten wollte: Ich war immer noch dabei, meinen moslemischen Gatten von den Vorzügen einer gleichberechtigten Partnerschaft zu überzeugen. Ihm jetzt zu erzählen, in welchem Zustand ich meine Mutter tatsächlich vorgefunden hatte – gerade jetzt, wo sich die beiden endlich gut miteinander verstanden – käme einem Offenbarungseid gleich: Noch vor vier Jahren hatte Mutter es strikt abgelehnt, zu unserer Hochzeit zu kommen oder „diesen Türken“, wie sie ihn genannt hatte, überhaupt kennenzulernen.
Mein Mann war nicht streng gläubig, er aß Schweinefleisch und trank auch ganz gerne mal ein Glas Alkohol – doch war der Einfluss seines Elternhauses enorm, schließlich war er zwanzig Jahre unter den Moral- und Glaubensvorstellungen seiner türkischen Heimat aufgewachsen. Emanzipierten, gebildeten Frauen begegnete er tolerant – solange er seine Vormachtstellung als Mann nicht gefährdet sah. Er konnte mir gegenüber äußerst misstrauisch und eifersüchtig reagieren – und sein büffelnder Zorn ähnelte zuweilen dem eines osmanischen Paschas, wenn er sich durch mein „unpassendes“ Verhalten provoziert fühlte. Also schwieg ich lieber darüber, was mich die Fahrt über - und viele durchwachte Nächte danach beschäftigte: Ich machte mir Sorgen um meine Mutter, ich grübelte und suchte nach möglichen Ursachen ihres Kontrollverlustes: War es nicht äußerst ungewöhnlich, dass meine Mutter, die mit dreißig Jahren Witwe geworden war und seitdem nie wieder eine ernsthafte Beziehung zu einem Mann hatte, jetzt, mit sechzig Jahren plötzlich einen „Lover“ hatte – einen Mann, den sie von Jugend an kannte? Ihr Freund war ein Nachbar, der vor kurzem Witwer geworden war, der sie ausgerechnet auf dem Friedhof angesprochen und danach umworben hatte. Erst sahen sie sich nur sporadisch, dann gingen sie mal miteinander Essen… war sie jetzt, wo sie immer öfter bei ihm, in seinem Haus übernachtete oder mit ihm in Urlaub fuhr, plötzlich von dieser Beziehung überfordert? Auf mich machte er einen ruhigen, bodenständigen, einfühlsamen Eindruck. Doch was wusste ich schon von diesen „Wechseljahren“? Meine Mutter schien jedenfalls hormonell und psychisch ziemlich aus dem Ruder geraten zu sein und benahm sich wie ein unausgeglichener Teenager, als sei sie in einer zweiten Pubertät …
Oder war doch die problematische Beziehung zu ihrer Mutter, mit der sie ein Leben lang in einer Art Hassliebe zusammenlebte - aus finanziellen Gründen, wie sie sagte, daran Schuld? Beide konnten noch nie besonders gut miteinander - ständig konkurrierten sie, kritisierten sich - doch konnten sie bis zum heutigen Tag auch nie ohne einander leben. Vor allem meine gebieterische, pragmatische, lebenstüchtige Großmutter konnte sich bisweilen aufführen wie eine Diva mit ihren theatralischen Manipulationsdramen, wenn es nach einem Streit darum gegangen war, dass meine Mutter (zumindest den Gedanken) äußerte, allein leben zu wollen. Meine Oma war die Älteste von dreizehn Geschwistern – und seit dem frühen Tod ihres Mannes auf sich selbst gestellt. Zu einer Zeit, in der ein fürchterlicher Weltkrieg ausbrach, sich ihr Sohn mit achtzehn Jahren freiwillig zur Marine meldete und sie selbst als Rot-Kreuz-Schwester in den Osten Deutschlands berufen wurde. Ihr geliebter Sohn blieb nach seiner ersten U-Boot-Fahrt vermisst – und war nicht mehr aus dem Krieg zurückgekehrt. All ihre Hoffnungen hatten nun auf ihrer jüngsten Tochter - und ihrem Schwiegersohn gelegen. Und ausgerechnet, als wieder Frieden war und es bergauf ging mit der kleinen Familie, die sie selbstverständlich in ihrer Wohnung aufgenommen hatte, als man sich endlich einigen Wohlstand leisten konnte im Wohlstandswunderland der 50er Jahre – da starb plötzlich und unerwartet der Schwiegersohn, mit zweiunddreißig Jahren…
Mutter und Großmutter hatten zwar unterschiedliche Schicksale, waren jedoch durch die Verluste geliebter Menschen und den Krieg gleichermaßen traumatisiert und schicksalhaft zusammengeschweißt worden.
Beide mussten irgendwie überleben: Der Kinder wegen. Für beide war die Versorgung und Erziehung der Kinder ihr zentraler Lebensmittelpunkt, Lebensinhalt und Lebenssinn.
Meine Mutter profitierte von den Fertigkeiten und Alltagsfähigkeiten meiner Großmutter und konnte sich auf sie immer verlassen – meine Oma war gerne Nutznießerin der Kontaktfreudigkeit und der sozialen Fähigkeiten ihrer Tochter: Bei uns war stets Leben im Haus, viele Gäste und Feste – obwohl es uns finanziell nicht gut ging, schaffte meine Mutter es immer mit eisernen Sparsamkeit und vorbildlicher Haushaltsführung, viele Gäste einzuladen. Sie unterhielt Kontakte zu nahen und fernen Familienmitgliedern, pflegte zahlreiche Freundschaften – und meine Großmutter liebte es, die Gäste zu bekochen und zu bewirteten – und genoss den Trubel und die Abwechslung, die sie ins Haus brachten.

Dass meine Mutter sich nun auch einmal „abnabeln“ wollte, verstand ich nur zu gut. Meine Oma aber nur scheinbar – sie behauptete zwar, ihrer Tochter für ihre neue Beziehung alles Gute zu wünschen …doch sah ich meine Großmutter seltsam still und sehr verhalten beim Familienfest. Und wenn es um die Zukunft ihrer Tochter ging, winkte sie nur ab. Vielleicht ahnte sie, dass ihr Zusammenleben mit ihrer Tochter gefährdet war. Ausgerechnet jetzt, wo sie älter und schwächer wurde (obwohl sie das nie zugeben hätte). Je besser sich meine Mutter mit ihrem neuen Freund verstand – umso bedrohter fühlte sich meine Großmutter: Dass sie nun, ausgerechnet im Alter, verlassen und vergessen werden könnte.
Deshalb hielt ich es durchaus für möglich, dass meine Oma nun alle „Vergehen“ meiner Mutter, all ihre „Entgleisungen“ für sich nutzen wollte: Um ihrer Tochter, deren Freund und uns Kindern zu „beweisen“, dass ihre Tochter so emotional „unreif“, unkontrolliert und „charakterschwach“ war, wie sie sie schon immer betrachtet hatte. Sie war der Meinung, ihre Tochter brauche sie – vielleicht war das auch umgekehrt der Fall …

Auch auf der Arbeitsstelle meiner Mutter – sie arbeitete als Verkäuferin in einem Bekleidungsgeschäft – ging es nicht konfliktfrei zu. Meine Mutter war erst spät, als wir Kinder längst aus dem Haus waren, halbtags berufstätig – fühlte sie sich nun, in fortschreitendem Alter, dem Leistungsdruck nicht mehr gewachsen? Sie war ihr Leben lang Hausfrau gewesen, hatte mit meiner Oma ein bescheidenes, aber sehr behagliches Leben geführt – meine Mutter war es nicht gewohnt, von einem Mann, Vorgesetzten oder Kollegen Vorschriften zu bekommen, wie sie etwas zu tun hatte. Sie hatte keine Berufsausbildung, war Kindergarten-Helferin, als der Krieg begann …
Nun war sie zwar zur „Fachverkäuferin“ aufgestiegen – aber immer noch unausgebildete Halbtagskraft. So konnte sie zwar ihre kleine Rente aufbessern, sich öfter mal etwas Besonderes leisten, besser leben, in Urlaub fahren …aber sie fühlte sich von ihrem jungen Chef immer öfter kontrolliert und angemahnt, mehr Umsatz statt Beratung zu machen. Darüber lag sie mit ihm schon lange im Konflikt, das hatte sie mir oft erzählt – sie wolle sich von so einem Schnösel nichts sagen lassen…!

Während unsere Fahrt nach Hause waren mir mindestens zehn Gründe eingefallen, die Ursachen des Alkohol-Absturzes meiner Mutter gewesen sein könnten und ich dachte, dass mit diesem Wissen um mögliche Ursachen Gespräche mit ihr möglich sein sollten – vielleicht brauchte sie einfach Hilfe: Irgendwelche Medikamente, eine Psychotherapie …? Ich war überzeugt, dass das Ende ihres Alkohol-Missbrauchs damit eingeläutet werden könnte. Doch dies dollte erst der Anfang sein …

22.4.17 16:32, kommentieren

Der Tag, an dem Mutter verschwand, Teil I

Feelings ...



Der sechzigste Geburtstag meiner Mutter war für mich ein einschneidendes Erlebnis: Es war der Tag, an dem ich nicht mehr wegsehen konnte - sondern gezwungen war, hinzuschauen ...
Nach der großen Familienfeier, dem großen Fest im Restaurant, das wir bis in den Abend hinein gefeiert hatten, saßen wir hinterher noch im kleinen Kreis zusammen, beim Freund meiner Mutter: Mein Mann und ich, meine Großmutter …und irgendwann war Mutter plötzlich verschwunden.
Erst nahmen wir das gar nicht wahr – oder wollten es nicht wahrnehmen. Vielleicht nahmen wir alle das gerne so hin, dass sie wohl ins Bett gegangen war, ohne sich von uns zu verabschieden. Vielleicht waren wir auch einfach nur müde …
…weil diese Feier „im Kreise der Familie“ die sie monatelang organisiert und uns damit genervt hatte, uns alle strapazierte: Wir hatten Tags zuvor eine lange Fahrt hinter uns gebracht, wenig geschlafen – und mussten trotzdem den ganzen Tag "funktionieren": Wie Mutter uns wollte. Das war so ihre übergriffige Art - vor allem an Geburtstagen. Die gerieten in letzter Zeit häufig aus dem Ruder, zu einer Art demonstrativem Schaulaufen, als wolle Mutter sich selbst ihre eigene Beliebtheit demonstrieren.
Den ganzen Tag über hatte sie uns vollgesabbelt, euphorisch hin- und hergeschoben, vorgestellt, fotografiert ... wir fühlten uns wie Statisten, die ihrem Bild von „meine Kinder“, „meine Mutter“, „mein Freund“, „mein Schwiegersohn“ zu entsprechen hatten.
Im Laufe des Tages erlebten wir ihre Stimmungsschwankungen von heiter - überdreht, aufgekratzt, beschickert, albern, angetrunken bis selbstgerecht, streitlustig, rechthaberisch und aggressiv. Ständig schnitt sie uns das Wort ab, wollte endlos irgendwelche Themen diskutieren, für die sich niemand interessierte, oder sie verhielt sich lästig anklammernd, bemitleidete stundenlang sich selbst und lallte, wie jetzt, irgendwelche Schuldzuweisungen in den Raum.
Diesmal hatte es meine Oma erwischt: Zum Abschluss des Abends machte meine Mutter sie fertig und gab ihr an so ziemlich allem die Schuld, was Mutter in ihrem Leben vermisst oder selber versemmelt hatte. Mir war das peinlich und unangenehm, weil mein Mann (wir waren gerade erst verheiratet) und Mutters neuer Freund noch nicht so lange bei uns waren. Bisher war ich die Gefühlsausbrüche meiner Mutter nur im engsten Kreis unserer Familie gewohnt und hatte mich stets bemüht, das vor ihren Freunden oder unserer Verwandtschaft zu verbergen oder zu überspielen.

Es war mir schon früher peinlich, wenn Mutter auf Familienfesten die Kontrolle verlor, schwankte oder lallte. Und ich hasste es von Kindheit an, dass sie mich, wenn sie so drauf war, oft völlig ignorierte, vergaß – oder behandelte wie ihr Eigentum.
Etliche Male hatte ich meine Mutter in der Vergangenheit davor bewahrt, sich auf Familienfeiern völlig zu betrinken oder lächerlich zu machen. Wie selbstverständlich hatte ich oft die Regie übernommen, wenn sie an ihren Geburtstagen schon am Mittag den Überblick verloren hatte, während mehr und mehr Gäste eintrudelten. Unauffällig hatte ich dann ihre Gläser geleert und ihr stattdessen Kaffee oder Wasser eingeschenkt, ihre Gäste bewirtet, mich fröhlich und souverän gegeben, obwohl ich sauer auf sie war. Ich hatte statt ihrer die Tische eingedeckt, schmutziges Geschirr abgeräumt, bis tief in der Nacht aufgeräumt, in der Küche gespült …und mich oft dabei wie eine Hausangestellte gefühlt, während Madame im Wohnzimmer ihre Gäste „empfing“, mit denen sie fröhlich krakeelte und zechte.

Dass meine Mutter, wenn sie getrunken hatte, gerne „dikutierte“, wurde mit den Jahren allen unangenehm und lästig. Ob gute Freunde oder Familie: Meine Mutter hatte keine Meinung, sie WAR diese Meinung. Widerworte unerwünscht, basta!
An diesem Abend versuchten wir nun, meine Oma zu trösten, die aufgewühlt und empört war und mit zittriger Stimme versuchte, sich uns gegenüber zu rechtfertigen. Sie flehte uns an, ihr doch endlich zu glauben: Mit ihrer Tochter stimme etwas nicht, schon lange sei sie so aggressiv gegen sie, sei nicht mehr wiederzuerkennen – und Zuhause, wenn sie allein mit ihr war, sei es noch schlimmer. Regelmäßig fände sie leere Flaschen, oder Verstecke mit Schnapsflaschen … und nachts höre sie, wie ihre Tochter durch die Wohnung torkele oder sich übergeben müsse …!

Die Sache mit den Flecken. Das war mir auch schon aufgefallen: Mutters Schaffell-Teppiche hatten in letzter Zeit einige komische, braune Flecken …und wenn man Mutter darauf hinwies, reagierte sie merkwürdig schnippisch.

Unsicher und ratsuchend wandte ich mich an den Freund meiner Mutter. Sie waren zwar noch nicht lange ein Paar - gut ein Jahr - aber ich war froh, meine Mutter und die ständige Sorge um ihr Wohlergehen nach ihrer dreißigjährigen Witwenschaft endlich an jemanden "abgeben" zu können.
Ihr Freund nickte nur: „Mit mir streitet deine Mutter auch oft …überhaupt ist es schwierig, mit ihr umzugehen …wenn sie betr…ähem… in dieser Verfassung ist. Und sie ist oft in diesem Zustand. Seit meine Frau gestorben ist, trinke ich ja auch ganz gerne mal einen, vielleicht manchmal auch öfter, das gebe ich ja gerne zu – aber so wie deine Mutter trinkt und sich dann aggressiv verhält, habe ich das noch bei keiner Frau erlebt …“
Ich schluckte.
Ich meine, MIR gegenüber verhielt sie sich schon mein Leben lang rechthaberisch, kontrollierend, übergriffig, selbstgerecht …ich war ihr Kind, für mich war das bisher „normal“ – auch ihre täglichen Streitereien mit meiner Oma: „Normal“!
Dass meine Mutter sich mit meiner älteren Schwester nie gut verstand, meine Schwester sich wohl auch deshalb mit achtzehn schwängern ließ und heiratete, um der permanenten Kontrolle meiner Mutter schnellstmöglich zu entkommen: „Normal“!
Das Verhältnis zu meiner Mutter war seit meiner Pubertät eher schlecht – sie redete sich – und mir - dennoch ein, es gebe da „einen ganz besonderen Draht“ zwischen uns, ich sei ihre „Beste“. Doch meine Empfindungen ihr gegenüber waren seit Langem eine Mischung aus Dankbarkeit, Schuldgefühl, Ablehnung, Zuneigung und Groll …und eine hintergründige Ahnung, dass ich mich schon als Kind von ihr emotional „benutzt“ fühlte, für ihre Zwecke und Bedürfnisse missbraucht …alles in allem Gefühle, die ich ihr gegenüber nie auszusprechen wagte. Fakt war, dass ich Probleme hatte, mich anderen gegenüber wirklich zu öffnen. Ich konnte mich anderen bis zur Unkenntlichkeit anpassen und hatte über mich selber, meine Gefühle und Bedürfnisse keine Ahnung. Ich wusste oft nicht, wer ich war, zu wem oder wohin ich gehörte, was ich wollte oder warum…

Meine Mutter empfand ich zuweilen als „patent“, selbstbewusst - dann wieder als eine neurotische Person, die es früher oder später schaffte, sich mit jedem zu entzweien. Keiner konnte ihren grandiosen Vorstellungen gerecht werden, nie bekam sie genug von dem, was sie zu verdienen meinte, keiner konnte ihr es recht machen, immer waren es die anderen, die Schuld daran waren, wenn es ihr schlecht ging …und jeder von uns war insgeheim froh, wenn sie einen anderen als uns selbst ins Visier nahm – obwohl wir wussten: In zwei Sekunden konnte man selbst wieder an der Reihe sein …!


Mutter blieb an diesem Abend verschwunden. Wir sahen uns unschlüssig an: Was sollen wir jetzt tun?
Ihr Freund stand schließlich auf und sagte: „Ich schau mal, wo sie geblieben ist …“ und wir waren alle froh, dass er das übernahm. Nach einiger Zeit kam er zurück. Und wandte sich an mich: “Geh und sieh dir das an …!“
„Was soll ich mir ansehen?“
Er schwieg.
Dann sagte er: „Geh bitte – und schau selbst: deine Mutter ist im Bad …“
Mit sehr mulmigen Gefühlen stand ich auf. Was konnte er wohl mit dieser Andeutung meinen?
Zaghaft, fast ängstlich, öffnete ich die Badezimmertür: „Mami …?“
Meine Mutter hing, zusammengesackt, auf dem Klo. Ihr Schlüpfer weit bis zu den Knöcheln heruntergezogen – er war durchnässt …
Sie schien fest zu schlafen, schnarchte leise und war nicht ansprechbar: „Mami, wach auf, um Himmels Willen!“
Verzweifelt rüttelte und schüttelte ich sie. Doch sie brabbelte nur Unverständliches, wehrte alle Versuche ab, sie aufzurichten, sabberte dabei Speichelfäden auf meine Schulter, während mir ihr Atem, der ein Brodem aus Schnaps, Erbrochenem und Essensresten war, mir in der Nase lag.. Sie war einfach nicht wach zu kriegen. Ihr Freund kam mir zu Hilfe und gemeinsam zogen wir ihr den nassen Schlüpfer aus, hakten sie unter und legten sie in seinem Schlafzimmer aufs Bett.
Als ich ins Wohnzimmer zurückkehrte, herrschte betretenes Schweigen. Ich wollte nichts erklären, sagen: ich schämte mich. Für meine Mutter. Für den ganzen Abend, für ihr Verhalten, ihre Aggressivität, ihre Betrunkenheit – und für Anblick, den sie mir und ihrem Freund geboten hatte – und dafür, dass ich ihre Tochter war, ihre Tochter SEIN MUSSTE.
Ich wünschte, ich hätte sie niemals so hilflos, abgefüllt und weggetreten gesehen. DAS war doch nicht meine Mutter! Und ich wollte niemals die Tochter dieser haltlosen, sturzbetrunkenen Frau sein, die meine Mutter war …!

2 Kommentare 21.4.17 19:09, kommentieren